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Donnerstag, 20.10.2011
Heute beschäftigen wir uns mit dem russischen Öl-Klub Anzhi Makhachkala aus der Premier Liga. Wir beleuchten sowohl seine Geschichte, als auch die gegenwärtigen Entwicklungen.
Im Sommer 2011, genauer gesagt in der Transferphase von Juni bis August, horchten viele Fussballfans in ganz Europa auf. Samuel Eto‘o, Stürmerstar aus Kamerun, liebäugelte mit einem Wechsel nach Russland. Na gut, die Liga ist dafür bekannt, dass einige Klubs von Männern besessen werden, die ihr Geld mit Öl und anderen Geschäften verdienen und Zenit, ZSKA oder Rubin sagen eigentlich jedem etwas, der öfter mal die Champions League schaut. Doch Eto’o wollte zu keinem dieser 3 Klubs, er wollte nach Dagestan. Dage..was? werden sich jetzt sicherlich einige fragen. Dagestan. Eine russische Teilrepublik im Kaukasus, seit vielen Jahren eigentlich eher dafür bekannt, dass es pro Tag einen Anschlag islamistischer Kämpfer gibt und Tschetschenien nicht weit ist. Doch Eto’o wollte hier Fussball spielen. Genauer gesagt in Makhachkala, der Hauptstadt dieser Provinz. Na gut, werden sich jetzt viele denken, der möchte dort beim Aufbau einer Fussballkultur helfen, die eventuell auch zum Frieden in der Region beiträgt. Ist doch sehr löblich, diese missionarische Einstellung. Doch weit gefehlt. Anzhi Makhachkala wird von einem Mann mit Geld quasi vollgepumpt, dem Dagestan praktisch gehört. Suleiman Kerimow gehört zu den reichsten Männern Russlands, ja sogar der Welt. Sein privates Vermögen wird auf annähernd 20 MILLIARDEN Dollar geschätzt. Sein Geld verdiente er unter anderem mit Ölgeschäften und Beteiligungen an der Deutschen Bank. Und nun will er in Dagestan den ganz großen Fussball etablieren. Hierfür lockte er Superstars wie Eto’o, Roberto Carlos und zuletzt auch den Ungarn Balasz Dzsudzsak zu dem Klub und überhäufte sie mit Geld. Seriöse Quellen teilten mit, dass Eto’o pro Jahr circa 20 Millionen Euro verdient. Und damit der reichste Fussballprofi der Welt wird.
Mit großen Erwartungen und Versprechungen startete dieser Klub in die Saison, doch was nun unter dem Strich steht, ist der 8. Platz. Noch hinter Kuban Krasnodar. Und alle Topklubs, mit denen man sich schon auf einer Linie sah, stehen weit vor Anzhi. Daher wurde vor kurzem auch der Trainer entlassen. Gadzhi Gadzhiev, ein renommierter Fachmann auf seinem Gebiet wurde wegen des „Misserfolgs“ gefeuert. Sicherlich bedacht mit einer großzügigen Abfindung. Doch wieso scheiterte das Projekt Anzhi Makhachkala in dieser Saison trotz der vielen Millionen und der teuren Superstars. Haben die keine Lust? Kassieren die dort nur ab? Hierfür ist eine genauere Betrachtung des Vereins und der Region von Nöten.
Anzhi wurde 1991 erst gegründet, ist also noch ein recht junger Klub, ohne stetig gewachsene Fankultur. Im Jahre 1999 stieg man zum ersten Mal in die erste Liga auf, nahm 2001 sogar am UEFA-Cup teil. Doch musste man 2002 den Platz unter den russischen Topklubs wieder räumen und verschwand für 8 Jahre in der ersten Division, der zweiten Liga Russlands. 2010 gelang der erneute Aufstieg und man versuchte sich unter den Mannschaften zu etablieren. Jetzt, wo das Geld nach dem Einstieg von Kerimow Anfang 2011 da ist, müsste das alles doch eigentlich von alleine laufen.
Doch so ist es nicht. Der Kaukasus ist eine gefährliche, unberechenbare Region, in der es immer wieder Konfliktpotenzial gibt, das teilweise sogar militärisch gelöst werden muss. Mitte der 90er Jahre wurde Dagestan in den Tschetschenienkrieg reingezogen und 1999 versuchten militante Truppen Dagestan zu besetzen und zu einer Art Gottesstaat umzubauen. Die russische Armee befreite Dagestan.
In dieser Region leben Menschen mit vielen verschiedenen ethnischen Hintergründen. In Makhachkala explodiert fast jeden Tag irgendwo eine Bombe um das System zu destabilisieren. Wie kann man in der Umgebung Fussball spielen, fragen sich bestimmt jetzt viele. Nun, genau da liegt eines der Hauptprobleme von Anzhi. Sie spielen dort nicht, bzw. nicht immer. Trainiert wird im 2 Flugstunden gelegenen Moskau, die Spieler wohnen in der russischen Metropole und nur zu Heimspielen, die Hochsicherheitsgefängnissen gleichen, reist die Mannschaft nach Dagestan. Damit ist der Heimvorteil praktisch dahin.
Solange die Region so instabil ist, kann man Stars kaufen wie man will, ohne die Identifizierung mit dem Klub und der Region, wird das Modell scheitern. Hierfür wäre allerdings eine Sicherheitslage nötig, die die Arbeit vor Ort zulässt.
Roberto Carlos hat das Amt des Trainers übernommen, fungiert jetzt sozusagen als Spielertrainer. Wenn am Sonntag Anzhi zuhause auf ZSKA Moskau trifft, könnten beide Mannschaften eigentlich das gleiche Flugzeug nehmen. Ein Team zusammenkaufen ist schon schwer genug, „Geld schießt keine Tore“ wie man so schön sagt. Doch sollte die Situation für Anzhi sich in Dagestan nicht verändern, wird Kerimow in Zukunft wohl in andere, „sicherere“ Klubs investieren.
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