Heute jährt sich ein Ereignis, das an einen unorthodoxen Präsidenten erinnert. Die Rede ist von Jean Löring und der legendärsten Trainer-Entlassung des deutschen Profifußballs. Vor zwölf Jahren hatte Toni Schumacher diese zweifelhafte Ehre.    

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Jean Löring mit der Kölschstange in der Hand

Ob Willy Millowitsch, Franz-Josef Antwerpes, de Höhner, die Black Föös oder aktuell Lukas Podolski – es gibt eine Reihe von Kölner Lokalprominenten, an denen man nicht vorbeikommt, wenn man in der Karnevalsstadt am Rhein aufwächst – nicht einmal bei völligem Desinteresse. Einer dieser Promis war auch Jean Löring, in seiner Heimat nur "de Schäng" genannt.

Es war der 15. Dezember 1999, die Fortuna spielte am 16. Spieltag der Zweiten Liga gegen Waldhof Mannheim und lag bereits nach 28 Minuten mit 0:2 zurück. Toni Schumacher war damals der Trainer der Fortuna – noch! Denn mit dem Halbzeitpfiff von Schiedsrichter Dirk Margenberg wurde ein folgenschwerer Prozess in Gang gesetzt. Der frühere Nationalkeeper, in Köln nur liebevoll "de Tünn" genannt, wurde nämlich anschließend in der Kabine vom Präsidenten zur Rede gestellt. Mit den Worten "Hau app in de Eiffel. Du määs minge Verein kapott. Du häss he nix mie zu sare, du Wichser" - so besagt es jedenfalls die Legende - wurde Schumacher auch für seine Spieler überraschend an Ort und Stelle von seinen Aufgaben entbunden. Da der damalige Co-Trainer Ralf Minge seinem bisherigen Chef freiwillig folgte, setzte sich Jean Löring - bereits zum fünften Mal - als Interimstrainer auf die Bank.

Auf die unkonventionelle Entlassung angesprochen entgegnete er nach dem Spiel, das übrigens mit 1:5 verloren wurde, nur lapidar: "Als Verein musste ich reagieren." Dabei steckt in diesem Satz mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Er spiegelt nicht nur das Selbstverständnis Lörings wider, sich selbst mit dem Klub gleichzusetzen – er verdeutlicht auch, dass dieses Selbstverständnis nicht von ungefähr kam. Denn auch wenn die Fortuna später von anderen Kölner Promis oder gar dem großen Rivalen aus Müngersdorf, dem FC Köln, unterstützt wurde, so wäre der Verein aus der Südstadt ohne den "Schäng" sicherlich nie so weit gekommen. Natürlich lag das zu großen Teilen an den Unsummen, die Jean Löring aus reiner Leidenschaft und ohne zu Zögern zur Verfügung stellte - er war es aber auch, der durch seine Kontakte und seine eigene Popularität den Verein über lokale Grenzen hinweg bekannt machte.


Fortuna ohne Löring nicht überlebensfähig

Der Bundesligaaufstieg 1973, das knapp verlorene Pokalfinale 1983 gegen den FC und die 26 Jahre Zweitligazugehörigkeit - bis vor wenigen Jahren stand die Fortuna sogar auf Platz eins der ewigen Tabelle - wären ohne den "Schäng" nicht vorstellbar gewesen. Schließlich fanden abgesehen von der Erstligasaison und ein paar Pokalspielen selten mehr als ein paar wenige Tausend Zuschauer den Weg ins Südstadion. Mit solch einer kleinen, wenn auch treuen Fanbasis schafft es kaum ein Verein, sich derart lange in einer der oberen Ligen zu halten. Wie abhängig der Verein von Löring war, wurde erst recht nach der Trennung deutlich: Kurz nachdem Lörings Firmen Pleite gingen, musste auch der Verein erstmals Insolvenz beantragen und stieg in der Folge bis in die Verbandsliga ab.

Hans Löring - den Vornamen Jean hatte er sich selbst gegeben - war somit nicht einfach nur der Präsident oder Mäzen von Fortuna Köln, er verkörperte "sein Vereinche" wie kein anderer und pumpte bis zum persönlichen Bankrott sein gesamtes Vermögen in den Klub. Die Geschicke der Fortuna hatte der gelernte Elektriker und frühere Fußballspieler (Preußen Dellbrück/Viktoria Köln von 1955-1961 sowie Alemannia Aachen 1961/62) von 1967 bis 2001 geleitet. Im selben Zeitraum war er mit seiner Firma im lokalen Elektro- und Rohrleitungsbaugeschäft sowie im Immobilienbereich aktiv und erwirtschaftete damit die geschätzten 30 bis 40 Millionen DM, die im Laufe der Zeit dem Verein zu Gute kamen.

Nachdem Löring insolvent war und selbst seine Steuerschulden nicht mehr begleichen konnte, ließ sich der früher so menschennahe und gesellige Urkölner fortan aus Scham nicht mehr auf der Straße blicken. Am 6. März 2005 starb Jean Löring schließlich im Hospiz Dr.-Mildred-Scheel-Haus an Krebs und wurde im Südfriedhof (Köln-Zollstock) beigesetzt. Sein Lebenswerk, der SC Fortuna Köln, entging mehrmals nur knapp der Pleite und spielt inzwischen immerhin schon wieder in der Regionalliga West.


Ein paar Erinnerungen an Jean Löring:

"Akkordeon gegen Fußballschuhe zu tauschen gesucht. Größe egal." - Lörings Inserat im Kölner Stadtanzeiger kurz vor Beginn seiner aktiven Karriere.

Als Löring 1985 den Torwart Jacek Jarecki für sein Team verpflichten wollte und man bei den Vertragsforderungen zu weit auseinander lag, schlug der ausgefuchste Kölner eine Runde Fußballtennis zur Entscheidung vor und gewann. Der Torhüter war völlig perplex und meinte nur: "Dann kam dieser kleine dicke Mann und hat mich abgezogen. Woher sollte ich denn wissen, dass der so gut Fußball spielen kann?"

Nachdem er mal einen Referee etwas zu heftig angegangen war, bekam Löring ein Spiel Stadionverbot. Doch "nicht mit mir", dachte er sich wohl, stellte sich im Weihnachtsmannkostüm in die Menge und blieb unerkannt.

Hans Krankl (einer der letzten Fortuna-Trainer vor der Pleite) über Jean Löring: "Bevor ich nach Köln ging, hat man mich vor ihm gewarnt, aber er war einer der nettesten Menschen, die ich im Fußballgeschäft kennengelernt habe: Ein wirklicher Patriarch, aber im positiven Sinne. Der war für alle da, sogar für die Kinder der Spieler. Er war wie ein Großvater, sehr großmütig."

Hans Sarpei (spielte zwei Jahre für Fortuna) über Jean Löring: "Er lebte für den Verein, war sehr emotional und hatte seine eigenen Methoden. Da wurden schon mal Verträge auf Bierdeckeln unterzeichnet."

Hans Löring über sich selbst: "Jedes Jahr habe ich drei- oder viermal Mist gebaut. Ich habe auch schon mal einem gegnerischen Spieler die Schuhe ausgezogen, weil er zu lange Stollen hatte. Doch ich ändere mich nicht. Ich entschuldige mich dann immer beim lieben Gott, nicht beim DFB."

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Azad Derakhshani