Mit Literatur hat es – wohlwollend ausgedrückt – nicht jeder Fußballprofi so. Ob Kevin Großkreutz schon einmal einen Text von Bertolt Brecht in den Händen hatte, ist nur zu spekulieren. Sicher ist aber, dass ihm ein schlauer Satz von Bertolt Brecht noch nicht untergekommen ist. "Wer 'A' sagt, muss nicht 'B' sagen. Er kann auch erkennen, dass 'A' falsch war." Nein, erkennen, dass "A" falsch war, will Großkreutz nicht, auch wenn es Fernsehaufnahmen belegen. Eine Gemeinsamkeit, die der 21-jährige Fußballer mit dem einen oder anderen erfahrenen Journalisten teilt. Drei Tage nach dem vermeintlichen Skandal um Schalke-Keeper Manuel Neuer ist so immer noch nicht Schluss und ein peinliches Kapitel des Deutschen Profi-Fußballs findet seine Fortsetzung.


Den Ellenbogen "ins Gesicht gerammt"?

picWir erinnern uns: Nach Abpfiff des Derbys zwischen Dortmund und Schalke klatschen sich die siegreichen Schalker im Mittelkreis ab, zwischendrin einige enttäuschte Dortmunder. Im Rückwärtslaufen berührt Neuer Großkreutz leicht mit dem Rücken, obwohl er ihn vermutlich zuvor hatte kommen sehen. Ein kleiner Rempler. Denkt man. Doch wenige Momente später tritt am frühen Samstagabend ein erboster Kevin Großkreutz vor die Kameras und erklärt wörtlich: "An der Mittellinie standen wir und, ja, halt, der Neuer halt, hat erst die Fans provoziert. Da hab ich was gesagt, dass er das sein lassen soll. Und dann halt extra mit dem Ellenbogen ausgeholt, auf die Nase halt." Heißt in Kürze: Neuer habe ihn an der Mittellinie mit dem Ellenbogen getroffen. Die Teamkameraden Marcel Schmelzer und Nuri Sahin bestätigen das loyal. Im Rückwärtslaufen, so Sahin, habe der Schalke-Torwart dem Kevin "den Ellenbogen ins Gesicht gerammt". "Natürlich", sagt Sahin auf eine Suggestivfrage des Reporters, der sich innerlich wohl schon über die Schlagzeile freut, "war das Absicht!" "A" war also gesagt, die Medien konnten übernehmen und den "Derby-Skandal" (BILD) ausschlachten – und ausschmücken. Ein Glück, dass es zunächst keine Fernsehbilder zu diesem Vorfall gibt.

Medien bejubeln einen Skandal, den es nicht gibt

Nach einem fairen Derby retteten Großkreutz, Schmelzer und Sahin vielen Journalisten die Story. So beschrieb beispielsweise ein Reporter der Ruhrnachrichten eindrucksvoll, wie Manuel Neuer die Dortmunder zuvor provoziert hatte, indem er extra einen 80-Meter-Sprint hinlegte, um vor den gegnerischen Fans zu jubeln. Diesen Sprint indes hat es nie gegeben. Hat man dann auch bei den Ruhrnachrichten gemerkt und die entsprechende Bemerkung flugs vom Online-Portal entfernt. Frei nach dem Motto: "Wer 'A' sagt, muss nicht 'B' sagen. Er kann auch so tun, als hätte er 'A' nie gesagt." Etwas kreativer ist da schon die BILD, die den "Riesen-Zoff im Pott" am lautesten bejubelt hat und sich freut, dass der "Neuer-Eklat" einige Tage lang den Sportteil füllen kann. Dass einen Tag später die WDR-Bilder auftauchen, die Neuer eindeutig entlasten, soll den Journalisten natürlich nicht die Laune verderben. Man sagt also "B" und zeigt auf der Homepage ein Standbild aus besagten TV-Aufnahmen, das noch am ehesten so aussieht, als habe es eine Tätlichkeit von Neuer gegeben. Kein Ellenbogenschlag zwar, aber immerhin ein Kopfstoß lässt sich so vielleicht erahnen. Die Bestätigung liefert das vermeintliche Opfer bereitwillig nach: Erst einen Kopfstoß, dann einen Ellenbogenschlag – das habe Großkreutz nach eigener Aussage in BILD über sich ergehen lassen müssen. Der DFB sieht es anders. Nach Sichtung der Bewegtbilder gibt Pressesprecher Harald Stenger bekannt: "Dem Kontrollausschuss liegen keine Hinweise auf ein grob sportwidriges Verhalten vor." Kein Ellenbogenschlag, kein Kopfstoß, keine weiteren Ermittlungen, keine Strafe – keine Story mehr? Weit gefehlt. Während viele Medien zurückrudern und die meisten diese Geschichte beenden, dreht die BILD sie fleißig weiter – es wäre doch gelacht, wenn sich mit diesem Konflikt nicht noch ein paar Klicks generieren ließen: "BILD erklärt, warum es zum Derby-Skandal kam", schreibt die größte deutsche Zeitung auf ihrer Homepage – nämlich, kurz gefasst,  weil beide Spieler früher selbst Anhänger ihrer Vereine waren und sich daher nicht so grün sind. Bleibt die Frage: Welchen Skandal erklärt die BILD eigentlich?


Nuri, Schmelle und Kevin wollen keine Lügner sein

picDer Skandal ist kein Skandal, sondern wird zur Farce. Denn als keinem Medium mehr etwas zum Thema einfallen will, legt ausgerechnet Kevin Großkreutz drei Tage nach dem Derby wieder nach. Wer "A" sagt, muss auch "B" sagen. In seiner Kolumne des BVB-Fanportals schwatzgelb.de also, schreibt er, wie es wirklich war, damals am 7. Spieltag in Dortmund: "Ich bin kein Lügner, Nuri und Schmelle auch nicht. Warum sollten wir etwas erfinden? Manuel Neuer ist in mich rein geknallt, nach meiner Auffassung auch mit voller Absicht." Mehr, so schreibt das Rempelopfer, sei auf dem Platz nicht vorgefallen. Aber: "Im Kabinengang ging es dann aber noch weiter mit Beleidigungen und Ellenbogeneinsatz. Diese Vorkommnisse meinten Nuri, Schmelle und ich. Aber was da noch lief, haben halt keine Kameras aufgenommen." Zum Glück aber haben die Kameras aufgenommen, was Nuri, Schmelle und Kevin gesagt haben – und um die angeblichen, nicht dokumentierten Vorfälle im Kabinengang geht es jetzt, drei Tage später, zum ersten Mal. Selbst die BILD wusste bisher nichts davon. Kevin Großkreutz vielleicht selbst auch nicht. Vielleicht aber weiß er im tiefsten Inneren auch ganz ohne Hilfe von Bertolt Brecht, dass "A" falsch war und "B" nicht richtiger.


Maike Falkenberg