Suizid des Kapitäns, zwei Trainerwechsel, Absturz auf Rang 16 und eine gravierende Niederlagenserie – Hannover 96 steckt in einer tiefen Krise. Nach zwei deutlichen Pleiten erscheint die Trendwende ferner denn je, Gegenmaßnahmen greifen bisher nicht.

picZum Wegschauen: Jan Durica verkriecht sich in sein Trikot


Hannover steht auf dem Relegationsplatz. Hannover hat nur zwei Punkte Rückstand auf den rettenden 15. Rang. Hannover ist trotzdem schon abgestiegen. Gefühlt zumindest. Gefühlt nämlich gibt es spätestens nach den beiden jüngsten Klatschen – 1:5 gegen Werder, 1:4 in Dortmund – kaum noch Grund zur Hoffnung bei den Niedersachsen.

Die beiden deutlichen Pleiten, die jeweils noch deutlicher hätten ausfallen können, bilden  nur den vorläufigen Höhepunkt einer langen Niederlagenserie. Seit acht Spielen gehen die Niedersachsen als Verlierer vom Platz; in den vergangenen zwölf Partien reichte es nur zu einem Punkt. Mit einem "schrottreifen Auto", das vom Gegner zerlegt wird, vergleicht die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) diese Bundesligamannschaft. Der kicker sieht in ihr einen "bemitleidenswerten Gegner von der Stärke der Seychellen".

Spieler verfallen in "Schockstarre"

Und mit diesen Vergleichen liegen die Journalisten nicht falsch. Denn ebenso wie die leidenden und zunehmend wütenden Fans sehen sie eine Mannschaft, die im Abstiegskampf steckt, aber dabei den Kampf vergisst. "Schockstarre" nennt Mirko Slomka das, was bei Hannover nach einem Gegentor eintritt – und dabei dürfte dem Trainer aufgefallen sein, dass die Gegner seine hilflose Elf durchaus regelmäßig bereits vor dem ersten Schockerlebnis an die Wand spielen. Die fünf Niederlagen unter seiner Leitung hat sie sich redlich verdient.

Die Lage ist ernst an der Leine, auch wenn man es dem Spiel der 96er und, bedingt durch die Unzulänglichkeiten der Konkurrenten, auch der Tabelle nicht in dieser Deutlichkeit ansieht. Den "Roten" droht eine der schwärzesten Spielzeiten ihrer Vereinsgeschichte, die bereits am zweiten Spieltag ihre erste Krise erreichte: Der erste Trainer der Saison gab früh auf, Dieter Hecking trat zurück. Seinem Nachfolger Andreas Bergmann gelang es zunächst, das Team zu stabilisieren, nach zwölf Spieltagen stand Hannover 96 im gesicherten Mittelfeld der Tabelle.

Einbruch nach Enkes Suizid

Es folgte der Schock, dessen Auswirkungen nicht messbar und doch offenkundig sind: Integrationsfigur, Führungsspieler und Weltklasse-Torwart Robert Enke nimmt sich das Leben. Die Spekulationen darüber, was eine solche Tragödie für diese Mannschaft bedeutet, sind bis heute nicht abgerissen. Fakt bleibt aber: Seit dem Tod Enkes hat Hannover 96 in elf Anläufen nur einen Punkt geholt, bis zu jenem Tag waren es 16 Punkte in zwölf Spielen.

Mit Andreas Bergmann scheitert nach einer Heimpleite gegen die damals weit abgeschlagene Hertha der zweite Trainer dieser Saison. Nachdem auch Mirko Slomka keine Trendwende schaffen konnte, werden die vermeintlich krisenhemmenden Maßnahmen vielfältiger: Die Verantwortlichen kauften noch einmal für alle Teile der von Verletzungsproblemen geplagten Mannschaft ein: Stürmer Arouna Koné (Sevilla), Mittelfeldspieler Elson (Stuttgart) und Verteidiger Jan Durica (Moskau) kamen auf Leihbasis, Burghausens Torwarttrainer Uwe Gospodarek wurde als Ersatzmann für Florian Fromlowitz reaktiviert.

Krisenmaßnahmen häufen sich, bleiben aber ohne Erfolg

Doch die Transfers sorgten nicht für Besserung – im Gegenteil: Es kam öffentliche Kritik von der Mannschaft, nachdem die Verantwortlichen offensiv versucht hatten, mit Gerhard Tremmel kurzfristig einen weiteren Torhüter zu verpflichten. Kapitän Hanno Balitsch betonte im Interview mit dem TV-Sender Sky, dass dies nicht nur bei dem ohnehin unter großem Druck stehenden Enke-Nachfolger Florian Fromlowitz, sondern bei der gesamten Mannschaft Verunsicherung ausgelöst habe.

Auch die Zusammenarbeit mit den Sportpsychologen Andreas Marlovits und Michael Grundwald, der jüngste Versuch der Krisenbewältigung, fruchtet bisher noch nicht. Viel Zeit hatten die beiden Experten noch nicht, und doch sind auch hier bereits kritische Töne der Spieler zu hören. "Wir reden die ganze Zeit. Mit Psychologen hin und Psychologen her. Aber wir brauchen auf dem Platz Punkte", erklärte Routinier Altin Lala im HAZ-Interview.

Fehlen die Punkte weiterhin, dürfte es nicht mehr lange bis zu einem weiteren Negativhöhepunkt in Hannover dauern: dem dritten Trainerwechsel innerhalb einer Saison. Über eine Ablösung Slomkas wird an der Leine bereits spekuliert, auch wenn Sportdirektor Jörg Schmadtke und 96-Boss Martin Kind dies offiziell ausschließen. "Noch", möchte man mit Blick auf Hannovers Krisensaison reflexartig hinzufügen.


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Maike Falkenberg