13.04.2017 13:09 Uhr

Die "Schutzschwalbe" des Andy Möller

Ganz unschuldig sieht Andreas Möller (3.v.r.) nach seiner
Ganz unschuldig sieht Andreas Möller (3.v.r.) nach seiner "Schutzschwalbe" aus

Dortmund, Westfalenstadion, 13. April 1995: In einem heiß umkämpften Bundesligaspiel vor gut 43.000 Zuschauern liegt Borussia Dortmund bis weit in die zweite Halbzeit hinein mit 0:1 gegen den Karlsruher SC hinten. Die Schwarz-Gelben müssen an diesem 26. Spieltag unbedingt gewinnen, um die Tabellenführung nicht an den SV Werder Bremen zu verlieren. Schon in der Vorwoche holte der BVB nur ein 0:0 im Ruhrpottderby gegen den FC Schalke 04.

Ein weiterer Punktverlust könnte Dortmund vom Weg zur ersten Meisterschaft nach 32 Jahren abbringen – da greift Nationalspieler und Spielmacher Andreas Möller zum letzten Mittel: Nach einem Pass von Karl-Heinz Riedle auf der rechten Seite hebt Möller im Sechzehner noch vor der Ballannahme völlig ohne Kontakt zu Gegenspieler Dirk Schuster ab und bleibt am Boden liegen. Schiri Günther Habermann fällt auf diese Schauspieleinlage prompt herein und pfeift Strafstoß vor der Dortmunder Südtribüne. Die Schutzschwalbe ist geboren!

Michael Zorc gleicht per Elfer aus, zehn Minuten später trifft Matthias Sammer kurz vor Schluss sogar zum 2:1-Endstand. Dortmund bleibt Spitzenreiter und holt sich zwei Monate später mit einem Punkt Vorsprung die Meisterschale.

Die Einlage von Andreas Möller, die sich nun zum 22. Mal jährt, ist ebenso legendär wie deren Nachspiel in den Stunden und Tagen danach, in denen Möller selbst, Gäste-Coach Winfried Schäfer und das DFB-Sportgericht die Hauptrollen spielten. Möller ist und bleibt der einzige Spieler in der Bundesliga, der nachträglich aufgrund einer Schwalbe gesperrt wurde. Der Imageverlust verfolgte ihn noch jahrelang. Der ganze Vorfall noch einmal kurz und kompakt:

Andy Möller gilt seit jeher als Erfinder der unrühmlichen Schutzschwalbe. Sein O-Ton nach dem Spiel: "Das war eine Schutzschwalbe. Ich dachte, dass Dirk Schuster mich voll umhauen würde".

In ähnlich fragwürdiger Manier machten sich auch andere berühmte Fußballer einen Namen mit kreativen Schauspieleinlagen.

Werner - der Möller-Erbe:
Der aktuellste Fall ist wohl der von Timo Werner aus der Saison 2016/2016. Der Offensivmann von RB Leipzig dringt bereits wenige Sekunden nach Spielbeginn in den Strafraum des FC Schalke 04 ein und hebt ab - ohne auch nur von Keeper Ralf Fährmann oder Abwehrspieler Naldo berührt worden zu sein. Schiri Bastian Dankert gibt Elfmeter, der "Gefoulte" verwandelt selbst. Danach prallte eine unglaubliche Fan- und Medien-Wut auf den 21-Jährigen ein. Fährmann fasste Werners Flugeinlage mit drei prägnanten Wörtern zusammen: "Das ist zum Kotzen."

Die Riesenschwalbe vom Bosporus:
In den Playoffs zur Europameisterschaft 2012 legte Kroatien in Person von Ivica Olić schon nach zwei Minuten das 1:0 bei der Türkei vor. Knapp 20 Minuten später will der langjährige Bundesligaspieler Hamit Altintop in fast schon unverschämter Weise dem Spiel die Wende geben. Er hebt gut zwei Meter von seinem Gegenspieler entfernt ab und fordert Strafstoß. Eigentlich ein Wunder, dass Referee Dr. Felix Brych keine Gelbe Karte zückt für diese Flugeinlage.

Der sehr, sehr tiefe Gesichtstreffer:
Noch einmal die Türkei, dieses Mal allerdings in der Rolle der Betrogenen. Im Vorrundenspiel der WM 2002 lagen die Türken nach einem Strafstoß in der 86. Minute knapp mit 1:2 gegen Brasilien hinten. In der 90. Minute will Elfer-Torschütze Rivaldo einen Eckstoß ausführen, lässt sich dabei aber ellenlange Zeit. Hakan Ünsal wird es zu bunt und schießt den Ball in Richtung des Brasilianers. Das Spielgerät trifft den Barcelona-Stürmer am Bein, doch dieser krümmt sich in höchst theatralischer Weise auf dem Boden und hält sich das Gesicht. Schiri Kim fällt drauf rein und stellt Ünsal vom Platz, Rivaldo wird nachträglich mit einer Geldstrafe für seine Unsportlichkeit bedacht.

Die Kopfstoßschwalbe:
Im Dezember 2005 wurde Norbert Meier als Trainer beim abstiegsbedrohten MSV Duisburg entlassen. So weit, so gut. Der Grund für den Rausschmiss war allerdings ein einzigartiger Vorfall in der Bundesliga-Geschichte. Meier geriet in der Schlussphase der Partie gegen den direkten Konkurrenten 1. FC Köln mit Mittelfeldspieler Albert Streit aneinander. Nach einem Tête-à-Tête samt verbaler Auseinandersetzung setzte Meier zum Kopfstoß an, ging unmittelbar danach selbst schreiend zu Boden. Meier erhielt nach seiner Entlassung beim MSV drei Monate Berufsverbot und 12.500 Euro Geldstrafe. Der MSV Duisburg stieg am Ende der Saison als Letzter aus der Bundesliga ab.

Die "Selfie-Watschn":
Der König der Dreistigkeit ist zweifelsfrei der junge Chilene Bryan Carrasco. In Erwartung eines Einwurfes packt er im Rahmen eines U20-Spieles zwischen Ecuador und Chile im Juni 2011 den Arm seines Gegenspielers Edson Montano und schlägt diesen sich dann selbst in Gesicht. Ein irrer Vorgang, vor allem, nachdem Carrasco anschließend zu Boden sinkt. Zum Glück fiel der Schiedsrichter nicht komplett darauf herein. Er pfiff zwar Freistoß für Chile, zückte aber keine Karte.

Mats-Yannick Roth