13.06.2019 16:53 Uhr

Warum der BVB (k)einen neuen Stürmer braucht

BVB an Sebastién Haller von Eintracht Frankfurt (r.) interessiert?
BVB an Sebastién Haller von Eintracht Frankfurt (r.) interessiert?

Borussia Dortmund wird in der Transfer-Gerüchteküche mit mehreren namhaften Angreifern in Verbindung gebracht - darunter Sebastién Haller von Eintracht Frankfurt und Mario Mandzukic von Juventus Turin. Einige Beobachter würden einen solchen Transfer begrüßen. Dass der BVB bei einem der gehandelten Stars zuschlägt, ist aber unwahrscheinlich - vor allem wegen Trainer Lucien Favre.

Die Geschichte der "Bild" klang stimmig. Matthias Sammer, nie zufriedener Ehrgeizling und einst Prototyp des Führungsspielers, sollte in seiner Rolle als externer Berater dem BVB die Verpflichtung von Mario Mandzukic empfohlen haben, ebenfalls ein anerkannt mentalitätsstarker Vertreter seiner Zunft.

Doch Sammer widersprach dem Bericht. "An dieser Geschichte ist nichts dran. Mandzukic war schon letztes Jahr eine Never-Ending-Story und wurde falsch interpretiert", so der "Eurosport"-Experte.

Zuständig für die Transfers der Borussia sei Sportdirektor Michael Zorc. Er habe dem Manager, ergänzte Sammer augenzwinkernd, auch Messi, Ronaldo und Lewandowski vorgeschlagen.

Sebastién Haller für den BVB zu teuer?

Auch die Gerüchte um intensive Dortmunder Bemühungen um Sebastién Haller von Eintracht Frankfurt sind wohl eher ins Reich der Fabel zu verweisen.

Der 24-jährige Franzose hat durch seine starken Auftritt in Bundesliga und Europa League zwar bewiesen, dass er zu Höherem berufen ist. Haller würde aber mindestens 40 Millionen Euro kosten. Geld, das die Schwarzgelben nach den Verpflichtungen von Nico Schulz ( TSG Hoffenheim), Julian Brandt (Bayer Leverkusen) und Thorgan Hazard (Borussia Mönchengladbach) für insgesamt rund 80 Millionen Euro wohl nicht mehr ausgeben wollen oder können.

Den Verantwortlichen bereitet die vermeintliche Lücke in der Kaderplanung keine schlaflosen Nächte. "Diese Phantom-Diskussion um einen Stoßstürmer ist ein klassischer Reflex. Je mehr Mittelstürmer-Konkurrenz du hast, desto mehr wirst du sehen, dass alle schwächer werden. Warum holt denn Bayern seit Jahren keine Alternative für Lewandowski?", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gegenüber "Sport Bild".

Man verfüge, so der Klub-Chef, mit Paco Alcácer und Mario Götze ja über zwei Angreifer, deswegen müsse man bei möglichen weiteren Transfers "genau abwägen".

Watzke erklärte weiter: "Was man oft unterschätzt: Wenn man einen kopfballstarken Stoßstürmer hat und nur auf diesen setzt, führt das in der Spielanlage mitunter dazu, dass man sein Spiel simplifiziert."

Lucien Favre ist kein Anhänger des klassischen Mittelstürmers

Diese Äußerung könnte so oder so ähnlich auch von Lucien Favre stammen. Der kauzige, aber taktisch ungemein akribisch arbeitende Trainer gilt seit jeher nicht als Anhänger des typischen Mittelstürmers, braucht in vorderster Front keinen Spieler Typ Brecher, der sich vor allem durch physische Präsenz auszeichnet. Fußball mit der Brechstange, hohe, weite Bälle und Flanken sind dem Schweizer ein Dorn im Auge.

Zu Gladbacher Zeiten ließ Favre den damaligen Rekordeinkauf Luuk de Jong links liegen und mit Raffael und Max Kruse lieber zwei etatmäßige offensive Mittelfeldspieler im Angriffzentrum auflaufen.

Für das schwedische Sturm-Talent Alexander Isak hat Favre, trotz eines höchst erfolgreichen Leih-Engagements bei Willem II, keine Verwendung. Der Youngster wechselt stattdessen nach Spanien zu Real Sociedad.

BVB stellte zweitbeste Offensive der Bundesliga

Auf Grundlage der abgelaufenen Vizemeister-Saison wissen der Coach und seine Vorgesetzten gute Argumente auf ihrer Seite: 81 Treffer erzielte der BVB, also fast 2,4 pro Spiel. Nur der FC Bayern (88) war gefährlicher. 

Alcácer traf in seiner ersten Spielzeit im deutschen Oberhaus satte 18 Mal. Der Spanier belegte hinter Robert Lewandowsk (22) Platz zwei der Torschützenliste. Sein Konkurrent Götze spielte auf zunächst ungewohnter Position vor allem in der Rückrunde groß auf, avancierte mit insgesamt 15 Torbeteiligungen zum viertbesten Scorer seines Teams.

Dass die Dortmunder den Titel im Duell mit dem FC Bayern trotz zwischenzeitlich neun Punkten Vorsprung noch verspielten, lag nicht oder nicht in erster Linie an der Abteilung Attacke.

Lothar Matthäus fordert Stoßstürmer für den BVB

Stimmen, die Verpflichtung eines Angreifers wie Haller oder Mandzukic würde dem Offensivspiel des BVB noch einmal eine neue Komponente hinzufügen, dürften die BVB-Bosse dementsprechend kaum tangieren.

Äußerungen in dieser Richtung von Rekordnationalspieler Lothar Matthäus ("Meiner Meinung nach braucht der BVB vorne einen echten Mittelstürmer mit Persönlichkeit, Erfahrung und Robustheit"), verhallen scheinbar ungehört.

Sinn ergeben würde ein solcher Transfer für die Borussia ohnehin nur dann, wenn sich der durchaus als eigensinnig bekannte Favre ein Stück weit zur Abkehr von seiner eigenen Philosophie bekennt - ein unrealistisches Szenario.

Tobias Knoop