15.09.2020 10:47 Uhr

Die wichtigsten Lehren aus dem Dortmunder Pokalsieg

Marco Reus (l.) traf mit einem Blitz-Tor nach seiner Einwechslung zum 5:0-Endstand
Marco Reus (l.) traf mit einem Blitz-Tor nach seiner Einwechslung zum 5:0-Endstand

Die Frage nach einem vermeintlichen DFB-Pokalwunder beim Duell zwischen Drittligist MSV Duisburg und dem viermaligen Titelträger Borussia Dortmund war spätestens nach einer halben Stunde endgültig beantwortet. 

Da hatte Neuzugang Jude Bellingham gerade zum 2:0 für den BVB getroffen und damit seinen starken Pflichtspiel-Einstand vergoldet. Der 17-Jährige ist eine ernsthafte Alternative für die Dortmunder Startelf, das hat er mit einer couragierten und intensiven Leistung während der ersten 45 Minuten beim Duisburger Underdog eindeutig unter Beweis gestellt. 

Daneben sammelte BVB-Cheftrainer Lucien Favre beim nie gefährdeten 5:0-Erstrundensieg im DFB-Pokal noch weitere wichtige Erkenntnisse für den Bundesliga-Auftakt am kommenden Samstag, wenn es um 18:30 Uhr gegen Borussia Mönchengladbach ernst wird. Das sind die wichtigsten Lehren aus dem Saisonstart des BVB:

Alter egal! Jude Bellingham drängt sich auf

Das nennt der Fußball-Beobachter dann wohl einen Einstand nach Maß! Dass Jude Bellingham, der Ende Juni 17 Jahre jung geworden und ohne jede Erstliga-, geschweige denn Auslandserfahrung nach Deutschland gewechselt war, direkt in der Startelf der Schwarz-Gelben stand, war nach seinen ordentlichen Testspiel-Eindrücken keine große Überraschung mehr. 

Mit welcher Entschlossenheit und welchem Selbstverständnis der Teenager in seinem ersten Pflichtspiel für den BVB am Montagabend zu Werke ging, dann allerdings schon. In der Mittelfeldzentrale überragte Bellingham mit 49 Ballkontakten im ersten Durchgang, brachte 92 Prozent der seiner 37 gespielten Pässe an den Mann. 

Der junge Brite gab keinen Ball verloren und tauchte aufgrund der Dortmunder Überlegenheit immer wieder auch im gegnerischen Spieldrittel auf. Dass er sich selbst auch noch mit dem Tor zum 2:0 nach technisch brillanter Vorarbeit von Thorgan Hazard belohnte, rundete den Traum-Einstand noch ab.

Symptomatisch für seinen großen Einsatzwillen auch die Gelbe Karte in der 21. Minute, die zur vorzeitigen Auswechslung in der Halbzeit führte. Nach einem harmlosen Abschluss schlug er einen Ersatzball frustriert in Richtung Tribüne und wurde dafür zu Recht verwarnt.

Mit seinem mutigen Zweikampfverhalten und seinem erfrischend offensiven Passspiel ist Bellingham auch für die Bundesliga schon jetzt eine echte Alternative.   

Endlich zurück! Kapitän Reus ist wieder da

An seiner Personalie scheiden sich in der BVB-Anhängerschaft seit Monaten die Geister. Ist der zuletzt dauerverletzte Dortmunder Kapitän überhaupt noch eine echte Alternative? Findet Marco Reus im reifen Alter von 31 Jahren noch einmal zu seiner Top-Form, oder hat sich der gebürtige Dortmunder durch seine langen Ausfallzeiten längst verzichtbar gemacht?

Mit einem Tor im Testspiel gegen Sparta Rotterdam sowie einem Treffer beim Pokalspiel in Duisburg beantwortete der BVB-Kapitän die Frage so wie er es schon in den vergangenen Jahren nach schweren Verletzungen am liebsten tat: Mit Top-Leistungen auf dem grünen Rasen.

Dass Cheftrainer Lucien Favre auch nach einer halbjährigen Verletzungspause noch immer große Stücke auf Reus hält, unterstrich der Schweizer nach der Partie: "Das ist eine schöne Geschichte. Wir sind alle zufrieden, dass Marco wieder zurück ist. Es macht Spaß, ihn im Training zu sehen. Wie er spielt, weil er sehr, sehr clever ist", lobte der BVB-Coach. 

Ob es im dicht gedrängten offensiven Mittelfeld der Borussia schon bald wieder zu einem Platz in der ersten Elf, womöglich sogar schon am Samstag gegen seinen Ex-Klub aus Gladbach, reichen wird, darf hinterfragt werden. 

Klar ist, dass sich der wiedergenesene Führungsspieler endlich wieder auf ein konkurrenzfähiges Level gebracht hat und wieder ein ganz wichtiger Baustein für die Westfalen werden kann. 

Luft nach oben! Haaland ist noch nicht auf Touren

Mit seiner überragenden ersten Halbserie in der Bundesliga hat der 20-Jährige enorme Erwartungen an seine Person geweckt. Nach seinen 13 Treffern in 15 Spielen soll Erling Haaland beim erneuten Angriff auf den Branchenprimus FC Bayern München seine Vollstreckerqualitäten zeigen - und das möglichst Spieltag für Spieltag. 

Gegen den drittklassigen MSV war davon allerdings noch nichts zu sehen. Null Torschüsse, null Torschuss-Vorlagen, nur magere 13 Ballkontakte in 57 Spielminuten: Die Vorstellung des Sturmtanks gegen einen überforderten Gegner war wohlwollend ausgedrückt harmlos! Immerhin: Mit seinem Antritt in der 38. Minute zog er die Rote Karte gegen Duisburg-Verteidiger Dominic Volkmer sowie den Freistoß, der von Thorgan Hazard zum 3:0 verwandelt wurde. 

Für den extrem ehrgeizigen Haaland ist ein 5:0-Sieg seiner Mannschaft ohne eigenen Abschluss dennoch eine Enttäuschung - wie bei seiner vorzeitigen Auswechslung nach 57 Minuten gegen Marco Reus, der nur Sekunden später zum 5:0-Endstand traf, auch nur unschwer zu erkennen war.  

Alles möglich! Favres Systemfrage bleibt vakant

Dreierkette, Viererkette - was denn nun? Die Systemfrage bleibt bei Borussia Dortmund auch nach dem ersten Pflichtspiel in 2020/2021 unbeantwortet. Nachdem auf Drängen des Cheftrainers in der Vorbereitung zum Großteil die alte, neue Viererkette mit zwei klassischen Innen- und Außenverteidigern getestet wurde, setzte Favre in Duisburg wieder auf die Variante mit drei Innenverteidigern (Akanji, Hummels, Can), bei der Ex-Weltmeister Mats Hummels fast schon eine Art Libero gab. 

Der Masterplan des Dortmunder Übungsleiters ist das freilich nicht, wie er selbst in der Saisonvorbereitung verriet: "Wir arbeiten wieder daran, wie alle großen Mannschaften der Welt mit einer Viererkette defensiv stabil stehen zu können."

Das Personal gibt aber nun mal auch die 3-4-3-Variante her. Diese brachte offensiv betrachtet ohne Frage den gewünschten Erfolg ein, defensiv gesehen mit 41 Gegentoren in der abgelaufenen Bundesliga-Spielzeit aber auch einige Unsicherheiten. 

Die Partie in Duisburg darf als Generalprobe für die Dreier-/Fünferkette betrachtet werden. Spätestens nach der Rückkehr des zuletzt angeschlagenen Raphael Guerreiro ist und bleibt die von Favre bevorzugte Vierer-Variante aber weiter eine Option.

Mats-Yannick Roth