10.07.2019 15:33 Uhr

Vor 25 Jahren: Bulgarien köpft Deutschland ins Chaos

Yordan Letchkov (Nr. 9) besiegelte das deutsche Aus bei der WM 1994
Yordan Letchkov (Nr. 9) besiegelte das deutsche Aus bei der WM 1994

Der 10. Juli 1994 ist als einer der schwärzesten Tage in die Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft eingegangen. An jenem Sonntag kassierte die DFB-Elf bei der WM in den USA eine nicht für möglich gehaltene Niederlage gegen den Fußballzwerg aus Bulgarien.

Vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft 1994 war eigentlich alles wie immer. Die deutsche Nationalmannschaft, Weltmeister von 1990 und Vize-Europameister 1992, ging als einer der großen Favoriten in das Turnier. Ein vorzeitiges Scheitern schien für Fans, Experten und Verantwortliche ausgeschlossen.

"Im Grunde ist es völlig wurscht, mit welcher Taktik Berti Vogts spielen lässt. Das deutsche Team ist stark genug", hatte auch "Lichtgestalt" und Weltmeister-Trainer Franz Beckenbauer im Vorfeld sämtliche Zweifel am DFB-Team beiseite gewischt. Dass der Kaiser mit seiner Einschätzung derart weit daneben liegen würde, hatte niemand für möglich gehalten.

Rumpelfußball und Effes Mittelfinger

Schon in der Gruppenphase deutete sich eine holprige WM für die Nationalmannschaft an. Das mit Ausnahmekönnern gespickte Team um Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Andi Möller, Lothar Matthäus und Co. rumpelte sich im Auftaktspiel gegen Bolivien nur zu einem knappen 1:0. Es folgte ein äußerst schmeichelhaftes 1:1 gegen Spanien.

Die DFB-Stars spielten Rumpelfußball

Der 3:2-Sieg gegen Korea war schließlich der erste echte Warnschuss. Zwar führte das Team von Berti Vogts schnell mit 3:0, allerdings brach die Mannschaft nach dem Treffer zum 3:1 förmlich auseinander. Die Koreaner spielten den amtierenden Weltmeister schwindelig. Die DFB-Auswahl siegte mit mehr Glück als Verstand. Der berühmte Mittelfinger von Stefan Effenberg war in dieser Phase nur die Spitze des Eisbergs. Die Zweifel und Kritik an Team und Trainer wurden von Tag zu Tag lauter.


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Im Achtelfinale wurde endlich alles besser. Die "deutsche Maschine" lief auf Hochtouren, dominierte die hoch gehandelte Mannschaft aus Belgien und gewann dank Toren von Rudi Völler (2) und Jürgen Klinsmann mit 3:2. Der Weltmeister schien endgültig im Turnier angekommen zu sein. Die nächste Hürde, der Überraschungs-Viertelfinalist aus Bulgarien, würde locker genommen werden. Da war sich die Fußball-Welt sicher.

In der ersten Halbzeit wurde das deutsche Team seiner Favoritenrolle gegen die Bulgaren gerecht. Die Vogts-Elf bestimmte das Spiel, verpasste es aber in Führung zu gehen. Dank eines geschenkten Elfmeters holte Deutschland dieses Versäumnis in der 48. Minute nach. 

Stoichkov und Letchkov besiegeln das DFB-Aus

Der Favorit hatte in den Minuten danach mehrere Möglichkeiten auf das vorentscheidende 2:0, ließ aber auch diese Chancen liegen. Das rächte sich. In der 76. Minute zirkelte Bulgarien-Legende Hristo Stoichkov einen Freistoß über die Mauer zum 1:1 ins Eck. Torhüter Bodo Illgner wurde später eine Mitschuld an dem Gegentor gegeben, allerdings hätte es schon eine außergewöhnliches Parade gebraucht, um den Ball aus dem Winkel zu fischen.

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Noch bevor sich das deutsche Team von dem Ausgleich erholt hatte, schlug es wieder ein. Zlatko Yankov flankte den Ball gefühlvoll vom rechten Flügel in die Mitte. Dort tauchte plötzlich HSV-Profi Yordan Letchkov auf. Sein einziger Gegenspieler: Der 20 Zentimeter kleinere Thomas Häßler. Letchkov ging mit Tempo in den Ball und versenkte ihn unhaltbar zum 1:2 im Kasten. Das deutsche Aus, das sich schon in den Spielen zuvor andeutete, war endgültig besiegelt.

Letchkov köpft das entscheidende Tor

Wenige Minuten nach dem Schlusspfiff wusste Lothar Matthäus, was auf ihn und die Mannschaft zukommen würde. "Wir haben gemeinsam gewonnen, wir haben gemeinsam verloren und deswegen packen wir auch gemeinsam die Koffer. Wir werden mit Kritik leben müssen. Ich hoffe nur, dass sie nicht wieder unter die Gürtellinie geht, wie teilweise bei dieser Weltmeisterschaft", sagte der Rekord-Nationalspieler. 

Vogts schießt scharf gegen seine Spieler 

Dass die deutlichste Kritik ausgerechnet von Bundestrainer Berti Vogts kommen würde, hatte Matthäus nicht geahnt. "Bundes-Berti" wurde von vielen zum Sündenbock auserkoren, doch mit dieser Rolle wollte er sich nicht abfinden. Stattdessen feuerte Vogts gnadenlos gegen seine Spieler. 

Es sei falsch gewesen, dass er sich immer vor die Spieler gestellt habe, sagte ein erzürnter Vogts: "Daher fühlten sie sich sicher, aber ich wurde so zu einer Art Müllabladeplatz. Künftig mache ich Druck - wenn es sein muss, auch öffentlich."

Verantwortlich für das Aus? War nicht er, stellte Vogts klar: "Als wenn ich etwas dafür könnte, dass der eine oder andere im Spiel nicht wollte oder der Torwart danebengriff. Ich glaube, man muss jeden Vorwurf an die richtige Adresse geben - an Illgner, Effenberg oder Möller."

Ein Illgner, zum Beispiel, habe die "Mannschaft nur benutzt, um noch einmal 300.000 Mark Prämien und Werbegelder abzustauben", schoss Vogts mit ungewöhnlicher Schärfe. Und am Beispiel Effenberg habe er gelernt, dass ich meine Ansprüche an Spieler viel schärfer durchsetzen muss."

Am Ende seien alle Diskussionen nur ein Theater, erkannte Vogts: "Wir sind gescheitert, das ist die Wahrheit."

Christian Schenzel