24.06.2022 07:26 Uhr

Was der FC Schalke (nicht) von Polter erwarten darf

Neu beim FC Schalke 04: Sebastian Polter
Neu beim FC Schalke 04: Sebastian Polter

Für das Projekt Klassenerhalt hat Bundesliga-Rückkehrer FC Schalke 04 in Sebastian Polter einen erfahrenen Stürmer verpflichtet. Im Knappen-Umfeld rief der Transfer des 31-Jährigen allerdings gespaltene Reaktionen hervor. Was darf der Aufsteiger von seinem Neuzugang erwarten, was nicht? sport.de macht den Check!

Was sich zuvor bereits abgezeichnet hatte, ist seit Montag fix: Sebastian Polter hat den VfL Bochum nach nur einer Saison wieder verlassen und sich dem FC Schalke angeschlossen. Bei den Königsblauen unterzeichnete der Angreifer, der rund 1,5 Millionen Euro gekostet haben soll, einen Vertrag bis 2025.

"Mit Sebastian gewinnen wir einen robusten Mittelstürmer, der für seine Größe eine gute Geschwindigkeit mitbringt und ein sehr gutes Durchsetzungsvermögen besitzt", kommentierte S04-Sportdirektor Rouven Schröder den Transfer: "Er kennt die Bundesliga, ist ein Typ und weiß, worauf es ankommt."

Beim Schalker Trainingsauftakt im altehrwürdigen Parkstadion war Polter am Mittwoch schon ein gefragter Gesprächspartner. Alle wollten wissen, wie der Neue so tickt und welche Ziele er beim prominenten Aufsteiger aus dem Ruhrpott verfolgt.

Grund genug für sport.de, den neuen Sturm-Konkurrenten bzw. -partner von Simon Terodde mal genauer unter die Lupe zu nehmen:

  • Schalke-Neuzugang Polter im Check: Seine Spielweise

Polter hat insgesamt drei Anläufe gebraucht, um sich in der Bundesliga zu etablieren. Weder zwischen 2012 und 2014 in Wolfsburg, Nürnberg und Mainz, noch 2019 bei Union Berlin hatte der gebürtige Wilhelmshavener den Durchbruch im Oberhaus geschafft.

Erst in Bochum konnte der 1,92 Meter große Angreifer (halbwegs) konstant nachweisen, auf Bundesliga-Niveau mithalten zu können. Seine zehn Treffer in der Vorsaison waren hart erarbeitet und damit sinnbildlich für den VfL, der die Klasse vor allem aufgrund seiner mannschaftlichen Geschlossenheit und Einsatzfreude überraschend souverän hielt.

Polter war dabei eine Art Vorkämpfer: Selten filigran, aber stets engagiert. Selbst als er zu Rückrundenbeginn seinen Stammplatz kurzzeitig an Winter-Neuzugang Jürgen Locadia verlor, blieb er als Joker eine wertvolle Option für Trainer Thomas Reis.

Die größte Stärke des Routiniers war und ist dabei zweifelsfrei seine enorme Wucht. "Polti ist eine Abrissbirne", beschrieb Schalkes neuer Trainer Frank Kramer den Zugang am Rande des Trainings-Starts: "Er macht viele tiefe Laufwege, arbeitet die Gegner ab."

Polter bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Zweikämpfe führen


Für technisch anspruchsvollen Kombinationsfußball steht Polter indes eher nicht. Der Rechtsfuß ist auf Zuspiele angewiesen, egal ob hoch oder flach. Zudem besitzt er im Abschluss nicht die Kaltschnäuzigkeit eines Simon Terodde. Und: Gemessen an seiner Statur ist eine Quote von nur 41,9% gewonnener Zweikämpfe erstaunlich schwach.

  • Schalke-Neuzugang Polter im Check: Seine Position

Ein Offensiv-Allrounder ist Polter definitiv nicht. Obwohl der 31-Jährige in seiner Jugend sogar mal Torwart war, ist sein Einsatzgebiet heutzutage einzig und allein das Sturmzentrum.

Von seinen letzten Profi-Stationen ist es der Neu-Schalker gewohnt, als einzige Spitze zu agieren. Den Job des klassischen Zielspielers hat bei den Knappen zuletzt jedoch Simon Terodde zur vollsten Zufriedenheit der Klub-Bosse erfüllt.

Eine taktische Formation mit den beiden kopfballstarken Kanten nebeneinander erscheint nach jetzigem Stand eher unwahrscheinlich, auch wenn Coach Kramer eine solche Variante ausdrücklich nicht ausschließen will.


Mehr dazu: FC Schalke mit Terodde und Polter als Doppelspitze?


Heißt: Sofern Aufstiegs-Held Terodde nicht überraschend auf die Bank verbannt wird, ist Polter im Kampf um einen Platz in vorderster Front zunächst wohl nur Herausforderer.

Eine Konstellation, die im Umfeld Skepsis hervorruft - auch bei Vereinslegende Klaus Fischer. "Ich habe mich gewundert", gestand der 72-Jährige im Gespräch mit der "WAZ", schließlich seien Terodde und Polter "ungefähr gleiche Spielertypen".

  • Schalke-Neuzugang Polter im Check: Sein Charakter

"Ich will mit anpacken und die Werte leben, für die Schalke steht – weil das genau zu mir passt" - den Nerv vieler Fans dürfte der Stürmer mit seinem Statement am Mittwoch schonmal getroffen haben.

Zugleich eilt Polter der Ruf voraus, nicht der einfachste Charakter zu sein. Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde der Offensivmann von Union Berlin suspendiert, angeblich, weil er einem Gehalts-Verzicht zuvor nicht zugestimmt hatte. Eine öffentliche Schlammschlacht war die Folge.

"Ich habe mein Herz für Union gegeben und bekam dann den Stempel des Abzockers. Das konnte ich nicht verstehen. Und ich verstehe es bis heute nicht", erklärte Polter Monate später in einem "Sport Bild"-Interview.

Nicht sonderlich gut angekommen ist kürzlich auch seine Liebeserklärung für Bochum. Er und der VfL, das seien "Topf und Deckel", betonte Polter erst Anfang Mai im Interview mit "Spox" und "Goal". Er wolle "Bundesliga spielen, am liebsten mit dem VfL Bochum."

Kurz danach wurde jedoch bekannt, dass der Torjäger mit Eintracht Frankfurt über einen Wechsel verhandelt. Als der Deal scheiterte, schlug Schalke kurzerhand zu.

Dass der VfL die Bestätigung des Transfers unter der Woche mit der Formulierung "Deckel drauf" einleitete, dürfte daher kaum ein Zufall gewesen sein.

Ob Polters "Identifikation" mit dem FC Schalke nun von längerer Dauer sein wird, müssen die kommenden Monate zeigen.

Heiko Lütkehus