20.06.2024 08:53 Uhr

Schotten brüllen sich zurück in EM – Schweiz will DFB ärgern

Die Tartan Army lieferte auch gegen die Schweiz ab
Die Tartan Army lieferte auch gegen die Schweiz ab

Schottland berappelt sich nach der bösen Klatsche gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und erkämpft sich im zweiten Gruppenspiel leidenschaftlich ein Remis gegen die Schweiz. Die Eidgenossen verpassen wegen eines Eigentor-Geschenks den vorzeitigen Achtelfinal-Einzug. Torschütze und Trainer der Schweiz warnen schon vor dem DFB-Team.

Fast schien es, als ginge den Schotten die Düse. Vielleicht, weil die Bravehearts nicht glauben konnten, wie viel Platz ihnen die Schweizer bei diesem Konter in der 13. Minute ließen. Der nach vorne gestürmte Kapitän Andrew Robertson legte den Ball jedenfalls – vermutlich vor lauter Zeit und Abspieloptionen – nicht sonderlich gekonnt nach links außen zu Callum McGregor. Und auch dessen Beine zitterten.

Nach einer ausbaufähigen Annahme bewahrte McGregor immerhin die Übersicht und legte den Ball zurück auf Scott McTominay – der ziemlich verzog. Keeper Yann Sommer machte sich in seinem Kasten zurecht und strecke in Erwartung eines harmlosen Balles die Arme aus. Der ehemalige Bayern-Profi hatte die Rechnung ohne Fabian Schär gemacht, der das Spielgerät unnötigerweise ins eigene Tor lenkte.

Wie schon beim Eröffnungsspiel, als Antonio Rüdiger den Ehrentreffer für Schottland erzielte, musste es der Gegner richten. Der Tartan Army auf den Rängen war's egal. In Köln-Müngersdorf entlud sich ein gewaltiger Kollektivschrei, dem schon bald der von Dudelsäcken begleitete Gesang folgte: "No Scotland, no Party."

Unglaublicher Torschrei fegt durch Köln

Schon den ganzen Tag hatten die Schotten feucht-fröhlich-friedlich die Stadt am Rhein eingenommen. Für einen Moment gehörte die Arena ihnen ganz allein. Unglaubliche 110 Dezibel verzeichnete die "ARD" nach dem Führungstreffer. Ein ultimativer Schrei ins Glück. Der Außenseiter obenauf.

Auf dem Rasen hielt die blaue Fete nicht lange. Da war tatsächlich "no Scotland" und "keine Party" angesagt. Die Schwyzer Nati schüttelte sich kurz und übernahm die Kontrolle, während die Beine der Bravehearts wieder zu zittern begannen. Anthony Ralston stolperte den Ball in haarsträubender Manier vor die Füße von Xherdan Shaqiri.

Der frühere Bundesliga-Spieler holte aus, schwang seine muskulöse Haxn und zirkelte das Runde mit beeindruckendem Feingefühl ins Eck. Ein Traumtor. Das nötigte auch dem gegnerischen Trainer Respekt ab. "Man gibt einem solchen Top-Top-Spieler nicht so eine Chance. Als der Ball auf Shaqiri zurollte, war er für das Netz bestimmt", sagte Schottlands Nationaltrainer Steve Clark nach dem Spiel.

"Ich habe geguckt, wo der Keeper steht und gedacht, ich schlenze den mal ins kurze Eck hoch. Hat dann perfekt gepasst oben links", beschrieb Shaqiri seinen Treffer: "Es war sehr speziell und bleibt immer in Erinnerung."

Der ewige Xherdan Shaqiri

Der Schlenzer war zudem ein historisches Tor. Der Schweizer ist der einzige Spieler, der seit 2014 in jedem Turnier (WM und EM) getroffen hat (Cristiano Ronaldo hat bei dieser Euro noch nicht geknipst). "Das ist sehr speziell. Ich bin stolz darauf, dass ich da immer getroffen habe", sagte der "ewige" Shaqiri später zu seinem Meilenstein.

Trainer Murat Yakin – schon 50 Minuten vor dem Spiel von den Schweizer Fans gefeiert – blieb freilich nach dem Treffer im eleganten Pullover und mit stielsicherer Brille auf der Nase cool wie ein Zürcher Bankier, während zu seiner Rechten die Südtribüne bebte. "Jeder hat gesehen, dass er für solche Momente lebt", lobte er hinterher seinen Torschützen.

Die Schotten taten nach dem Nackenschlag das, was sie immer tun. Sie kämpften, sie grätschen, sie liefen. Sie gingen dahin, wo es wehtut. Aber sie ließen stellenweise auch erkennen, warum Schottland seit der EM 1996 (ausgerechnet ein 1:0 gegen die Schweiz) auf einen Sieg bei einer EM wartet. Zu viel Krampf. Zu viele Stockfehler, zu viele Pässe ins Nichts. Die Fans feierten trotzdem. Weil sich das Team eben den Hintern aufriss. Das will der Schotte, der weniger vom Hochglanz-Fußball kommt, sehen.

Das schlechte schottische Stellungsspiel brachte den Schweizern weitere gute Chancen ein. Aber erst verzog Silvan Widmer, dann retteten der schottische Keeper Angus Gunn oder Abseitspositionen die Clark-Elf vor dem Rückstand.

Schottland kommt über die Standards

Die Schotten kamen mit mehr Power aus der Kabine, auch befeuert von der Tartan Army auf den Rängen. Nach einer Stunde applaudierten sie Kieran Tierney, der sich im Zweikampf mit Dan Ndoye verletzte, als der Schweizer Stürmer die Führung für die Nati vergab. Weil spielerisch wenig ging, mussten für Schottland Standards her, gefühlt seit Anbeginn des Spiels die größte Gefahrenquelle im schottischen Angriff.

Hanley (67.) übersprang nach einem Freistoß die Schweizer Verteidiger, stirnte den Ball aus kurzer Distanz an den Pfosten. Ping-Pong nach dem Abpraller. Der Alu-Treffer flößte den Schotten Kraft ein, plötzlich griffen sie entschlossen an – und pressten, trieben sogar Leverkusens Meisterstrategen Granit Xhaka in selten gesehene Fehlpässe. Die Sturmphase hielt, immer wieder drang der Außenseiter ins eidgenössische Sechszehner-Territorium ein.

Der Schotten-Block hielt die Dezibel-Werte derweil weiter oben, pushte das Team nach vorne. Der Glaube war zurück. Die Schweiz wackelte. Es war ein offenes Spiel. Ein Schlagabtausch. Im Vergleich zum Deutschland-Spiel waren die Bravehearts kaum wiederzuerkennen, kamen auf deutlich mehr Torabschlüsse – gegen das DFB-Team schafften sie gerade mal einen.

Weil der eingewechselte Schweizer Breel Embolo bei seinem erfolgreichen Konter (82.) leicht abseits stand, jubelten die Schweizer erneut umsonst. Auch Joker Zeki Amdouni verpasste mit seinem Kopfball kurz vor Schluss die Führung. Mit Abpfiff gab es donnernden Applaus von beiden Fanlagern. Ein gerechtes Unentschieden.

Was aber bleibt von diesem "riot of a football match", den auf der Pressetribüne ein Kollege von der Insel sah?

Schweiz blickt aufs Spiel gegen die DFB-Auswahl

Die Schweiz blickt mit einer Mischung aus Sorgenfalten und Vorfreude auf das finale Gruppenspiel gegen Deutschland.

"Deutschland spielt überragenden, druckvollen Fußball. Wir sind glücklich mit vier Punkten. Es wird ein ganz anderes Spiel", prophezeite Yakin. "Wir freuen uns auf das Spiel und dass wir nicht so unter Druck stehen, gewinnen zu müssen."

Torschütze Shaqiri freut sich am Sonntag in Frankfurt auf einen "guten Härtetest", da komme "nochmal ein ganz anderer Gegner auf uns zu", sagte er in der Mixed Zone. Das DFB-Team zeichne eine "super Offensive" aus, die Mannschaft habe eine Euphorie ausgelöst und spiele zu Hause. Seine Ansage: "Wir freuen uns alle sehr darauf. Wir wollen die Deutschen ärgern."

Und die tapferen Bravehearts?

Schottland ist in Gruppe A noch im Rennen. Ein Punkt. Von Gegners Gnaden, Antonio Rüdigers Kopf, Fabian Schärs Fuß. Vielleicht Gold wert, wenn Schottland gegen Ungarn nach fast drei Dekaden wieder ein EM-Spiel gewinnt. Dann wäre dieses Turnier, wären die deutschen Städte weiter voller Schotten. Dunkelblauer Reichtum eines grauen Sommers.

Martin Armbruster und Emmanuel Schneider, Köln