20.01.2022 12:38 Uhr

Warum sich Rose mit Witsel und Guerreiro übel verzockt hat

Axel Witsel und Raphael Guerreiro zählten beim Dortmunder Pokal-Aus zu den schwächsten Spielern
Axel Witsel und Raphael Guerreiro zählten beim Dortmunder Pokal-Aus zu den schwächsten Spielern

Nach dem peinlichen Aus im DFB-Pokal bei Zweitliga-Tabellenführer FC St. Pauli herrscht im Lager von Borussia Dortmund Ratlosigkeit. Zu frappierend waren die Unterschiede zwischen der jüngsten Bundesliga-Gala gegen den SC Freiburg (5:1) und der nur vier Tage später folgenden BVB-Blamage am Millerntor. Bei genauerer Betrachtung lassen sich aber durchaus konkrete Gründe für die Niederlage finden - auch Trainer Marco Rose muss sich bei seiner Personalwahl hinterfragen.

Rund neun Sekunden hätten am Dienstagabend gereicht, um den gesamten Abend von Borussia Dortmund zu charakterisieren: Fünf Minuten vor der Halbzeit verliert der zu diesem Zeitpunkt bereits mit 0:1 zurückliegende BVB im Mittelfeld leichtfertig den Ball, sofort rollt der Gegenangriff des FC St. Pauli. Jakov Medic, seines Zeichens Innenverteidiger (!), spurtet auf die unsortierte Gäste-Kette zu, chippt den Ball dann elegant rechts in den freien Raum zu Guido Burgstaller, dessen flache Hereingabe Axel Witsel unglücklich in die eigenen Maschen grätscht.

Der zweite Streich der Gastgeber entpuppte sich im Nachhinein als Wirkungstreffer, plötzlich rannten die zuvor auf den Ausgleich drängenden Borussen einem Zwei-Tore-Rückstand hinterher, der nicht mehr aufgeholt werden sollte.

Man habe im ersten Durchgang "ein bisschen kopflos" gespielt, stellte Coach Marco Rose nach Schlusspfiff treffend fest. Zu jener Konfusion hatte der 45-Jährige mit seiner Aufstellung allerdings einen nicht zu unterschätzenden Teil beigetragen.

Denn: Zwei der schwächsten Dortmunder hätten an diesem tristen Abend niemals in dieser Konstellation zusammenspielen dürfen, Rose verzockte sich hier gewaltig.

BVB: Witsel fehlen Präsenz und Spritzigkeit

Zwar ist die Qualität von Axel Witsel und Raphael Guerreiro unbestritten, ihre Entwicklung in den letzten Monaten hat jedoch mehr als deutlich gemacht, dass beide auch Risikofaktoren sein können.

Bei Witsel, der kürzlich 33 geworden ist und den Verein aller Voraussicht nach im Sommer ablösefrei verlassen wird, ist schon seit einer Weile zu erkennen, dass ihm seine ständigen Verletzungspausen in jüngerer Vergangenheit nachhaltig zugesetzt haben. Der Belgier wirkt nicht mehr so spritzig wie früher, seine einst gepriesene Präsenz im Mittelfeld ist ihm abhanden gekommen.

Entsprechend hart fiel das Urteil über Witsel nach dem Spiel aus: Im Netz machten viele Fans den Routinier zum Hauptschuldigen, was angesichts der ebenso schwachen Darbietungen einiger Mitspieler allerdings nicht fair ist. Freilich kam auch sport.de nicht umhin, den Auftritt des Mittelfeldmanns mit der Note 5,0 abzustrafen.


Mehr dazu: Noten und Einzelkritik zur BVB-Blamage im DFB-Pokal


Ähnlich düster bewertete der "kicker" Witsels Leistung: Der Lockenkopf habe "mangelndes Tempo personifiziert" und "viel zu selten für einen Fortschritt im Spielaufbau" gesorgt, bilanzierte das Fachblatt.

Guerreiros Offensivdrang wird für den BVB zum Risiko

Witsel hatte am Millerntor freilich auch mit der Hypothek zu kämpfen, ständig für einen taktisch undisziplinierten Nebenmann einspringen zu müssen: Gegen St. Pauli bewies Raphael Guerreiro einmal mehr, mit der Rolle des Linksverteidigers mittlerweile erhebliche Probleme zu haben.

So offensiv, wie der Portugiese seine Position interpretierte, klafften auf der linken Dortmunder Abwehrseite quasi permanent riesige Lücken, die sich der Gegner bei beiden Toren zunutze machte. Dass sich Guerreiro selbst eher als Mittelfeldspieler mit Vorwärtsdrang sieht, ist zwar schon seit längerem bekannt, die mangelnde Bereitschaft des technisch beschlagenen Nationalmannschaftskollegen von Cristiano Ronaldo zur Defensivarbeit jedoch neu.

Guerreiro will sich vorne einbringen - zu Lasten der Abwehr

Bei Guerreiro stimme "die Balance zwischen offensiven Bemühungen und Absicherung nicht", urteilte der "kicker", der den 28-Jährigen als "exemplarisch" für die fragile Verteidigung betitelte. Von sport.de gab's folglich die Note 4,5.

Zu allem Überfluss brachte der Linksfuß Nebenmann Witsel mit seinen Ausflügen regelmäßig in Bedrängnis: Bei Ballverlusten musste der Belgier entweder außen oder im Abwehrzentrum aushelfen, in diesem Fall rückte Mats Hummels raus. Beide hatten gegen die flinken Kiezkicker gleichwohl Temponachteile.

Rose muss für Dortmunds Defensivschwäche Lösungen finden

Bleibt die Frage, wie viel Schuld Trainer Rose an den schwarz-gelben Auflösungserscheinungen hatte. Nach der Begegnung gab der Übungsleiter zu, den zuletzt formstarken Verbindungsspieler Mahmoud Dahoud im Pokal schmerzlich vermisst zu haben. Im Alleingang hätte der 26-Jährige die gegnerischen Räume indes auch nicht schließen können.

Am kommenden Wochenende steht für den BVB das richtungsweisende Duell mit der ebenfalls um die Champions-League-Ränge mitspielenden TSG 1899 Hoffenheim auf dem Programm. Rose wäre gut beraten, gegen die angriffslustigen Schützlinge von Sebastian Hoeneß einige personelle wie taktische Umstellungen vorzunehmen.

Prinzipiell denkbar, aber eher unwahrscheinlich wäre eine Rückkehr zur Dreierkette, die der BVB Mitte der Hinserie einige Wochen lang praktiziert hatte. Zumindest Guerreiro wäre hier als Schienenspieler besser aufgehoben.

Mehr spricht derweil für ein Festhalten am 4-3-3 und eine Rückversetzung von Witsel auf die Bank. Stammspieler ist der 33-Jährige bei den Westfalen ohnehin nicht mehr. Ob sich die Defensivschwächen allein dadurch beheben lassen, darf jedoch bezweifelt werden.

Fakt ist: Rose muss sich einen anderen, besseren Plan einfallen lassen. Denn sein Fazit am Dienstag, dass das Pokal-Aus beim FC St. Pauli "einfach unser Verschulden" gewesen sei, schloss ihn explizit in die Reihe der Mitverantwortlichen ein.

Heiko Lütkehus