30.09.2022 12:08 Uhr

Fünf Gründe: Darum schafft Nagelsmann die Bayern-Wende

Nicht alles beim FC Bayern spricht gegen Julian Nagelsmann
Nicht alles beim FC Bayern spricht gegen Julian Nagelsmann

Vier Bundesliga-Spiele in Folge ohne Sieg: Das gab es beim FC Bayern zuletzt vor rund 20 Jahren. Trainer Julian Nagelsmann steht vor den richtungsweisenden Spielen gegen Bayer Leverkusen (Freitag, 20:30 Uhr) und den BVB (08. Oktober, 18:30 Uhr) unter Zugzwang.

Der 35-Jährige muss in den kommenden Wochen liefern. Bei all der Kritik sprechen jedoch auch einige Gründe dafür, dass Nagelsmann die Trendwende bei den Bayern gelingt.

  • Keine Experimente

Nach der 0:1-Pleite beim FC Augsburg hatte Julian Nagelsmann angekündigt, alles und jeden zu hinterfragen - auch sich selbst. Das Ergebnis: Der Trainer hält an seinem bisherigen Plan fest. "Wir müssen nicht alles umkrempeln", erklärte der 35-Jährige im Vorfeld der Partie gegen Leverkusen.

Der Blick auf die nackten wie schlechten Ergebnisse offenbart nicht direkt, dass die Münchner die letzten vier Krisen-Spiele nicht allesamt hätten gewinnen können. Gemessen am Wert der "expected goals", also der zu erwartenden Tore, lässt sich die Dominanz der Bayern gut ablesen.

Kein anderes Team schießt so häufig aufs Tor wie die Münchner. Nach sieben Spielen stehen 164 Torschüsse zu Buche, der SC Freiburg folgt mit 60 (!) Versuchen weniger auf Platz zwei. Der eigentliche Schwachpunkt liegt in dieser Saison in der Genauigkeit der Abschlüsse.

"Erst wenn ich keine Ahnung mehr habe, wie wir Torchancen kreieren oder das Spiel aufbauen sollen, hole ich mir Tipps", gab Nagelsmann am Donnerstag kund. Es spricht dafür, dass das große Ganze nicht in Frage steht. Der richtige Nährboden für Konstanz und den Fokus auf die Stärken des unbestreitbaren "Weltklasse-Kaders" (O-Ton Nagelsmann).

  • Mehr Kommunikation

Dass die öffentliche Kritik seiner Stars in der Kabine nicht gut ankam, wird Nagelsmann vernommen haben. Nach der Partie gegen Augsburg etwa attestierte der Trainer seinen Spielern falsche Abschlusstechniken.

Gleichzeitig stellte der Coach auch klar, dass die Verantwortlichkeit für die Krise nicht allein bei den Akteuren auf dem Rasen liege. "Jeder muss die persönliche Verantwortung spüren. Ich bin nicht für alles alleine verantwortlich, genauso wenig wie die Spieler. Es gibt noch andere Gründe für die Lage, in der wir gerade sind", erklärte Nagelsmann am Donnerstag.

Bei all der Kritik zwischen den Zeilen schwingt noch etwas anderes mit: Nagelsmann packt seine Stars bei der Ehre. In der Hoffnung, die letzten Prozentpunkte der Spieler herauszukitzeln, schreckt der Trainer nicht vor dem ein oder anderen Rüffel zurück.

Seit Beginn der Saison führt der Coach zudem vermehrt Vieraugengespräche. Die Spieler "müssen spüren, dass sie wahrgenommen werden", erklärte er. In der Vergangenheit habe er darauf zu wenig Fokus gelegt. Die Lehren aus der gesteigerten Kommunikation könnten nun auch beim Abbremsen der Talfahrt helfen.

  • Kein Druck der Bosse

Nagelsmann genießt in der Führungsetage des FC Bayern weiterhin das vollste Vertrauen - die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit. "Intern gibt es überhaupt keinen Druck", erklärte etwa Bayern-Präsident Herbert Hainer. Der 68-Jährige schätzt seinen "unheimlich kreativen und innovativen" Trainer.

Kahn ist von Nagelsmann "total überzeugt"

Oliver Kahn reihte sich ein in die Lobeshymnen für den Fußballlehrer. Er sei von Nagelsmann "total überzeugt", wurde der Vorstandsvorsitzende von "Bild" zitiert. Unterdessen erklärte Sportvorstand Hasan Salihamidzic: "Er und sein Trainer-Team wissen genau, was zu tun ist. Vor allem weiß Julian, dass er die ganze Rückendeckung des FC Bayern hat, das muss jetzt auch nicht immer wieder betont werden."

Die öffentlichen Schulterschlüsse der Bosse mit ihrem Trainer dürften für Ruhe hinter den Kulissen sorgen. Eben jene Ruhe, die Nagelsmann braucht, um den Rekordmeister zurück an die Tabellenspitze zu führen.

  • Offensives Training

Die angesprochene Ladehemmung wollte der Bayern-Coach mit einem speziellen Offensiv-Training bekämpfen. Am Mittwoch traf sich die Mannschaft für eine rund 75-minütige Einheit, bei der allein Torschüsse und offensive Spielzüge im Fokus standen.

Sadio Mané fehlte unterdessen im Schuss-Training. Der Senegalese trainierte nach seiner Länderspielreise individuell auf dem Ergometer. Nagelsmann glaubt dennoch fest daran, dass der Neuzugang vom FC Liverpool bald zu seiner Top-Form findet: "Wir müssen ihn in die richtigen Positionen bringen. Und er muss unsere Vorgaben umsetzen", nannte der Trainer die Schritte zum Erfolg.

In der aktuellen Saison findet nur etwa jeder neunte Münchner Abschluss den Weg ins Tor. Im ligainternen Vergleich liegen die Bayern damit immer noch auf dem fünften Platz, in den Spielen gegen Gladbach, Union, Stuttgart und Augsburg reichte diese Quote allerdings nicht aus.

Sofern der FC Bayern Lewandowski-Nachfolger Mané besser ins eigene Spiel einbindet, sind weitere Treffer des Senegalesen nur eine Frage der Zeit - und ein wichtiger Faktor, um der Krise entgegenzuwirken.

  • Richtige Einstellung

Thomas Müller ließ vor dem Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona keinen Zweifel daran, dass es auch bei den Spielern mentale Unterschiede zwischen einem Auftritt in der Königsklasse und einem alltäglichen Spiel in der Bundesliga gibt.

"Unterbewusst kann ich mir diese Prozesse schon vorstellen", erklärte Müller: "Man versucht entgegenzusteuern. Aber es gibt Spiele, die werden von den Zuschauern, der Presse und auch den Spielern als größerer Höhepunkt wahrgenommen."

Das bedeutet wohl im Umkehrschluss, dass "der Reiz, noch weiter über die körperliche Grenze hinauszugehen" (O-Ton Müller), in einem Spiel gegen Stuttgart oder Augsburg ungleich kleiner ist. Klar ist aber auch: Gegen Leverkusen und den BVB steht der FC Bayern mehr im Rampenlicht als ohnehin schon.

"Körperliche Intensität, Gier und Bereitschaft", die Salihamidzic zuletzt forderte, dürften aufgrund der Brisanz der Partien quasi wieder von alleine kommen.

Tom Kühner