25.01.2022 20:36 Uhr

Warum auch Tolissos Bayern-Aus kaum noch abzuwenden ist

Corentin Tolisso hat beim FC Bayern zuletzt Pluspunkte gesammelt
Corentin Tolisso hat beim FC Bayern zuletzt Pluspunkte gesammelt

Noch vor wenigen Wochen schien Corentin Tolissos Abschied vom FC Bayern im kommenden Sommer quasi festzustehen. In den ersten Wochen der Rückserie spielt der Franzose aber derart stark auf, dass eine Verlängerung seines auslaufenden Vertrags bei den Münchner Entscheidungsträgern zumindest wieder Thema sein soll. Wie wahrscheinlich ist eine Einigung?

Am Sonntagabend musste Corentin Tolisso zunächst einen kleinen Rückschlag verkraften: Keine zwei Minuten waren im Auswärtsspiel des FC Bayern bei Hertha BSC absolviert, als der Mittelfeldmann eine halbhohe Flanke von Thomas Müller sehenswert per Direktabnahme im Netz versenkte. In den Wiederholungen wurde allerdings deutlich, dass sich das Bein des Münchners beim Zuspiel Zentimeter im Abseits befunden hatte, folglich kassierte der VAR den Treffer ein.

Doch anstatt mit der Entscheidung zu hadern, machte Tolisso einfach da weiter, wo er aufgehört hatte und trieb das Aufbauspiel ständig voran. Und wie das Schicksal es nunmal häufig will, bot sich dem zuvor enttäuschten 27-Jährigen Mitte der ersten Halbzeit eine weitere Gelegenheit, sich in die Torschützenliste einzutragen, die er prompt nutzte. Sein sehenswerter Flugkopfball brach gegen sich einigelnde Berliner den Bann und leitete den späteren 4:1-Erfolg ein.

Vollkommen verdient wurde der starke Auftritt des Nationalspielers von sport.de mit der Top-Note 1,5 bedacht. Schon in der Vorwoche hatte Tolisso mit einem Traumtor gegen den 1. FC Köln Pluspunkte gesammelt.


Mehr dazu: Noten und Einzelkritik zu Hertha BSC vs. FC Bayern


Nun ist die Erkenntnis, dass Tolisso über eine hervorragende Schusstechnik verfügt, alles andere als neu. Seine Torgefahr war einst einer der Hauptgründe für die Bemühungen des FC Bayern um den früheren Star von Olympique Lyon gewesen. Stolze 41,5 Millionen Euro - damals Klub-Rekord - war dem Rekordmeister die Verpflichtung 2017 schließlich wert, Tolisso wurde direkt mit einem Fünfjahresvertrag ausgestattet. Dieser läuft in etwas mehr als fünf Monaten aus - und zum ersten Mal seit langer Zeit wird an der Säbener Straße tatsächlich darüber gegrübelt, ob man nicht doch zusammen weitermachen sollte.

FC Bayern: Rummenigge rührt die Werbetrommel für Tolisso

Erst am Sonntagabend hielt der frühere Vereinsboss Karl-Heinz Rummenigge im "Bayerischen Rundfunk" ein Plädoyer für eine Verlängerung von Tolisso.

"Coco ist ein guter Spieler. Vor seiner Verletzung, die ihn leider ein Stück zurückgeworfen hat, war er immer ein wichtiger Spieler für Bayern München", betonte der 66-Jährige und ergänzte: "Er ist vom Charakter her ein richtiger guter Bursche!"

Insofern sei auch eine Ausdehnung des auslaufenden Arbeitspapiers eine attraktive Option. "Ich mag ihn! Ich wusste, wenn er wiederhergestellt ist und er sein Selbstvertrauen wieder hat, dann wird er wieder ein brauchbarer Spieler für Bayern. Das zeigt er jetzt", schwärmte Rummenigge.

Zwischen den Zeilen ließ sich freilich herauslesen, dass man sich in München dennoch etwas mehr von Tolisso erwartet hatte. Meist konnte der Weltmeister von 2018 wenig dafür, keine Hauptrolle zu spielen, sein schier unglaubliches Verletzungspech in den vergangenen Jahren ist bekannt. Seit seiner Ankunft verpasste er knapp die Hälfte (!) aller möglichen Pflichtspiele.

Ein vertrautes Bild: Tolisso liegt verletzt auf dem Rasen

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass für Tolisso zuletzt selbst fit kein Weg an Joshua Kimmich und Leon Goretzka vorbeiführte. Nur den ständigen Ausfällen der DFB-Stars verdankt der gelernte Achter seine jüngsten Startelf-Einsätze. Unter dem Strich steht trotzdem, dass er die von Trainer Julian Nagelsmann eingeräumten Bewährungschancen genutzt hat und im Poker um seine Zukunft jetzt bessere Karten hat als zuvor.

Tolissos Stammplatz-Chancen beim FC Bayern bleiben überschaubar

Entgegen anderslautender Berichte aus dem Spätherbst scheint man sich beim FC Bayern in der Causa Tolisso noch nicht auf einen klaren Kurs geeinigt zu haben. Angeblich ist "eine Weiterbeschäftigung aktuell komplett offen", schreibt der "kicker" am Montag in diesem Zusammenhang.

Fakt ist: Der Verein würde seinen einstigen Rekord-Transfer nur extrem ungerne ablösefrei verlieren, immerhin ist den Münchnern durch den Wechsel von David Alaba zu Real Madrid erst vor wenigen Monaten eine Menge Geld durch die Lappen gegangen. Und Sport-Vorstand Hasan Salihamidzic und seine Kollegen wissen um die Lockrufe ausländischer Klubs, darunter Real Madrid, der FC Barcelona, Inter Mailand und der FC Liverpool.

Zugleich dürfte allen Beteiligten bewusst sein, dass Kimmich und Goretzka in der Schaltzentrale auch zukünftig gesetzt sein dürften. Ob sich Tolisso weiter mit dem Amt des Stellvertreters zufrieden geben würde, darf bezweifelt werden. Der "kicker" schlussfolgert daher, dass keine "krasse Trendwende" zu erwarten sei, ein Abschied im Sommer ergo immer noch die wahrscheinlichste Variante ist.

Tolisso, der im August 28 wird, könnte nach der Saison seinen womöglich letzten großen Vertrag unterschreiben und im Falle eines Wechsels ein saftiges Handgeld kassieren. Mindestens genauso wichtig dürfte ihm indes die sportliche Perspektive sein, auch hinsichtlich seiner Rolle im französischen Nationalteam.

Plus: Der FC Bayern soll mit Denis Zakaria von Borussia Mönchengladbach bereits eine ebenfalls ablösefreie Alternative an der Angel haben, die sogar noch zwei Jahre jünger ist.

Nach menschlichem Ermessen spricht also weiterhin vieles für eine Trennung zum 1. Juli hin - daran haben auch Tolissos tolle Tore nichts geändert.

Heiko Lütkehus