Am Samstag geht die mexikanische Primera División in eine neue Spielzeit. Erstmals ist der Club Tijuana mit von der Partie. In seiner jungen Geschichte sorgte der Verein bereits für viel Gesprächsstoff - nicht nur aufgrund spektakulärer Transfers.        
picZukünftiger Erstligastandort: Die mexikanische Grenzstadt Tijuana bei Nacht.


"Welcome to Tijuana - Tequila, sexo y marihuana" – so lauten die ersten Verse eines Songs des Weltmusikers Manu Chao. Damit ist das Image der mexikanischen Grenzstadt Tijuana treffend beschrieben: Die Stadt ist vor allem bei Studenten aus den USA beliebt, die besonders das Nachtleben und die lockereren Alkoholbestimmungen schätzen.

Doch in der neuen Saison wird in Tijuana außerdem Erstligafußball geboten – erstaunlich, da in der Stadt lange Zeit überhaupt kein Verein im Profifußball vertreten war. Zwar werden die meisten Touristen aus dem Nachbarland wohl weiterhin eher in den Bars als im Fußballstadion zu finden sein; die Einheimischen wären jedoch glücklich über die Etablierung des Club Tijuana im Norden Mexikos.

Jorge Hank: Bürgermeister, Wettkönig, Clubpräsident

Gegründet wurde der Club Tijuana Xoloitzcuintles de Caliente im Januar 2007. Die Sehnsucht nach Profifußball war zu diesem Zeitpunkt enorm, viele Versuche, einen Fußballverein in der Stadt zu etablieren, scheiterten zuvor. Eingeleitet wurde das Projekt von Jorge Hank Rhon. Dieser leitete zum Zeitpunkt der Club-Gründung mit der "Grupo Caliente" nicht nur einen der größten mexikanischen Wettanbieter, sondern war zugleich Bürgermeister der Stadt Tijuana.

Die enge Verbindung zum Wettgeschäft bereitete dem Verein einige Probleme: Der mexikanische Fußballverband FMF musste sich erst davon überzeugen, dass bei der "Grupo Caliente" nicht auf mexikanische Zweitligaspiele gewettet wird, denn in der zweithöchsten Spielklasse startete die Geschichte der "Xolos". Jorge Hank erwarb 2007 zwar die Lizenz eines Drittligisten, den damaligen Guerreros de Tabasco. Da die zweite Liga jedoch in diesem Jahr von 24 auf 26 Mannschaften erweitert wurde, durfte auch der neugegründete Club Tijuana in der zweiten Liga antreten. Die Präsidentschaft des Klubs übergab Jorge Hank Rhon seinem Sohn Jorge Alberto Hank Inzunsa. Und dies offenbar nicht ohne Grund, aber dazu später mehr.

Vier Jahre nach der Gründung erreichte der Verein erstmals die Finalspiele um den Aufstieg in die erste Liga. Zwar schaffte man im Hinspiel im ca. 2.500 km entfernten Irapuato nur ein torloses Unentschieden, doch im Rückspiel am 21. Mai sorgten der Argentinier Mauro Gerk und Youngster Joe Corona mit ihren Toren für den Triumpf im bis dato wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte.

Große Stadt, große Erwartungen, große Pläne

Die Erwartungen für die Zukunft des Club Tijuana sind nun groß: Der jetzige Bürgermeister Carlos Bustamante versprach, alles dafür zu tun, damit der Klub für immer in der ersten Liga bleiben wird. Jorge Hank Sr. scheint diese Absicht zu teilen, zumindest ließ er dem Verein ein Stadion bauen, das Erstligaansprüchen auf jeden Fall gerecht wird. Im Estadio Caliente, das mittlerweile Platz für gut 40.000 Zuschauer bietet, wurde sogar die nordamerikanische U-17-Meisterschaft ausgetragen.

Geplant ist überdies, die Kapazität des Stadions auf 70.000 Plätze zu erweitern, denn der Zuschauerzuspruch ist groß und dürfte bei Erfolg wachsen. Das Potenzial ist allemal vorhanden: Ca. 1,3 Millionen Menschen leben in Tijuana.

Dass es in der höchsten mexikanischen Spielklasse nur einen Absteiger gibt, scheint die Mission Klassenerhalt für die "Xolos" zu erleichtern - wenn es da nicht die seltsam anmutende Regelung geben würde, dass die Abstiegstabelle aus den Saisons der letzten 3 Jahre berechnet wird. Im Moment müsste der Klub aus dem Norden Mexikos für den Klassenerhalt einen Punkteschnitt von gerundet 1,044 pro Spiel aufweisen. Für Tijuana wäre es insofern von Vorteil, wenn die Teams, die in den letzten Jahren die wenigstens Punkte holten (Querétaro, Jaguares, Estudiantes Tecos) auch in dieser Saison schlecht abschneiden.

Pesos für neue Spieler, Gewehre für den Präsidenten

Unwahrscheinlich erscheint es nicht, dass sich der Neuling gegen die etablierten Teams durchsetzen kann. Leistungsträger wie Raúl Enríquez, der sich mit 72 Toren in 132 Spielen bereits Rekordtorschütze des Vereins nennen darf, bleiben dem Verein ebenso erhalten wie Aufstiegstrainer del Olmo. Außerdem erhofft man sich, dass Spieler aus den Jugendteams den Sprung in die erste Mannschaft schaffen, so wie es bei Joe Corona bereits der Fall war.

Vorrangig aber greift man aber weiterhin tief in die Tasche und verpflichtet erfahrene Spieler aus dem Ausland. Kritikern dieser Transferpolitik entgegnete Trainer del Olmo: "Über uns wird momentan schlecht geredet, weil wir viel Geld in die Hand nehmen, um das Ziel Klassenerhalt zu erreichen. Doch auch über die Absteiger der letzten Jahre redete man schlecht, weil sie sich nicht verstärkt haben und deswegen abgestiegen sind."

Neuzugänge sind unter anderem die Südamerikaner Mariano Pavone, Egidio Arévalo Ríos, José Gustavo Sand und Dayro Moreno; zudem kamen Leandro Augusto und Cirilo Saucedo von den Ligakonkurrenten Pumas und Tigres.

Trotz des starken Kaders kann der Klub die Realität in der mexikanischen Grenzstadt nicht ausblenden: Jorge Hank Rhon wurde kurz nach dem Aufstieg wegen Waffenbesitzes verhaftet – bei ihm wurden 88 Waffen gefunden, davon allein 40 Gewehre. Kurzzeitig war deswegen sogar die Zukunft des Klubs gefährdet. Doch dann kam Hanks Sohn ins Spiel. Denn da offiziell Filius Jorge Alberto Hank Inzunsa Präsident der "Xolos" ist, hätte die Verhaftung seines Vaters keine Auswirkungen auf die Zukunft des Vereins in der Primera División gehabt. Der Haftbefehl wurde jedoch bereits einige Tage später ohnehin zurückgezogen – die Hausdurchsuchung, bei der die Waffen gefunden wurden, sei illegal gewesen, urteilte der zuständige Richter.

In Tijuana ist man Hank Rhon trotz der Vorwürfe dankbar, dass er der Grenzstadt endlich Erstligafußball beschert hat. Eine Bereicherung für das mexikanische Oberhaus ist der Verein auf alle Fälle, denn langweilig wird es in Tijuana nie. Nicht nur wegen Tequila, Sex und Marihuana.

>> Alles zur mexikanischen Primera División


Philipp Streckenbach