Während in dieser Woche seine Ex-Vereine in die Königsklasse starteten, konzentriert sich Clarence Seedorf auf die brasilianische Meisterschaft. Keine 60 Tage sind seit dem Debüt des Niederländers bei Botafogo vergangen und schon feiern ihn Mitspieler und Fans als unbestrittenen Führungsspieler.      

picSeedorf gewann mit drei verschiedenen Vereinen die UEFA Champions League

Am 6. September hatte Seedorf im Auswärtsspiel bei Cruzeiro in Belo Horizonte seinen bisher größten Auftritt: Sein Team war durch einen Treffer des Ex-Dortmunders Tinga in Rückstand geraten, aber der 36-Jährige Seedorf drehte mit zwei Treffern das Spiel. Den 3:1 Siegtreffer bereitete er zudem mit einem maßgenauen Pass vor. Die Presse sprach von einer „Lektion im Spitzenfußball“, es regnete Höchstnoten. Die „Show de Seedorf“ war in aller Munde.

Auch wenn der offensive Mittelfeldspieler im engen Terminkalender des Brasileirão aufgrund von kleineren Verletzungen bisher nicht jedes Spiel bestreiten konnte, hatte er spätestens jetzt seine intakte Fitness und Spielstärke bewiesen. „Für viele gelten Spieler über 30 schon als alt. Aber Seedorf hatte vor seinem Wechsel nach Brasilien noch gute Angebote aus England“, äußerte Ex-Bayern Profi Zé Roberto (37) und derzeit beim Ligakonkurrenten Grêmio Porto Alegre bei Fifa.com.

Ehefrau trotzt Top-Angeboten

Nicht nur aus der Premier League, auch aus China und den USA lagen Seedorf bis zu seiner Unterschrift bei Botafogo Angebote vor. Letztendlich lag er mit seiner Entscheidung für die brasilianische Liga völlig im Trend. Zu Deco, Ronaldinho und Neymar gesellten sich in der letzten Transferperiode zum Beispiel Paolo Guerrero und Diego Forlán. Der Wirtschaftsboom im Land des fünfmaligen Weltmeisters ermöglicht einigen Klubs mit europäischen Topgehältern zu konkurrieren. „Die brasilianische Liga gehört heute zu den besten der Welt und die Qualität der Neuzugänge bestätigt dies“, so Zé Roberto.

Allerdings war es wohl nicht nur das saftige Jahressalär von über drei Millionen Euro, dass Seedorf als ersten europäischen Topstar für zwei Spielzeiten nach Brasilien lockte. Seine Ehefrau Luviana stammt aus Rio de Janeiro und ist leidenschaftliche Anhängerin des 'Glorioso Botafogo'. Für sie war es ein langjähriger Traum ihren Mann im schwarz-weißen Trikot spielen zu sehen.

Seedorf spielt Routine aus

Einen Traum, den Seedorf bisher überzeugend wahr werden lässt. Gab es kurz nach seiner Unterschrift am 30. Juni einige kritische Stimmen, die lediglich eine Marketingstrategie erkannt hatten, bewies der Niederländer, dass er auch das Spiel von Botafogo verbessern und prägen kann. Seine Spielübersicht und Passgenauigkeit ist einmalig in einer Liga, in der sonst häufig Einzelaktionen Spiele entscheiden. Drei Tore bereitete er vor, zudem gelang ihm ein Freistoßtreffer. Und wenn es nötig ist, beschleunigt er wie gegen Cruzeiro seine Muskelmasse noch immer überraschend schnell.

Der einzige Profi, der mit drei verschiedenen Teams die Champions League gewinnen konnte, wurde von Beginn mit der Nummer 10 des Spielmachers ausgestattet. Seit einigen Wochen ist er auch Kapitän der Mannschaft, die sich nach zwei Drittel der Saison an die Qualifikationsplätze für die Copa Libertadores herantastet.

Dankeschön zum Abschied?

Auch außerhalb des Spielfelds merkt man Seedorf die Routine von 20 Jahren Profifußball an. Bei Pressekonferenzen beantwortet er geduldig alle Frage in fließendem Portugiesisch. „Vielen haben gesagt, bei Corinthians Sao Paolo wäre es einfacher gewesen Titel zu gewinnen. Aber das habe ich zur Genüge. Hier bei Botafogo sehe ich Projekt für die Zukunft, bei dem es spannend ist mitzuarbeiten“, sagt er dann diplomatisch.

Die Meisterschaft ist in dieser Saison für Seedorf und sein Team nicht mehr erreichbar. Aber vielleicht gelingt die Copa Libertadores-Qualifikation oder im nächsten Jahr der Gewinn der hochemotional bestrittenen Regionalmeisterschaft von Rio de Janeiro. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Clarence Seedorf seine ideale Karriere mit einem ganz besonderen Geschenk an seine Ehefrau Luviana beendet würde.


Viktor Coco