Dem neutralen Betrachter bietet sich ein Bild des Grauens: Unter einem intakten weißen Zeltdach erstreckt sich eine Wüste aus Geröll, Eisenrohren und Betonplatten. Doch was auf den ersten Blick aussieht wie die Aufräumarbeiten nach einem Bombenanschlag, sind in Wahrheit nur ganz profane – wenn auch etwas rabiate – Bauarbeiten. Es wird mal wieder mächtig gewerkelt an den Spielstätten der Bundesliga.

Mercedes-Benz Arena Stuttgart

picEin wenig Wahrheit ist jedoch dran am Gedanken des Bombenanschlags. Denn in den ersten Wochen der Umbauarbeiten an der Arena in Stuttgart wurden schon 18 Bomben aus dem 2. Weltkrieg geborgen. Tendenz steigend. Zurückzuführen ist dies auf die Bausubstanz vieler Stadien im Lande, die nach dem Krieg mit aus Kriegsschutt gewonnenem Material gebaut oder gar – wie etwa das Münchner Olympiastadion – auf ganzen Schuttbergen errichtet wurden. Bereits für die WM 2006 war das damals noch Gottlieb-Daimler-Stadion genannte weite Rund mit dem charakteristischen weißen Zeltdach rundum modernisiert worden. Seitdem war Stuttgart stolzer Besitzer der einzigen grünen Tartanbahn weit und breit. Doch nach der Meisterschaft 2007 machte der VfB Ernst und übte bei der Stadt Druck aus. Das Menetekel Laufbahn, Stimmungskiller aus längst vergangenen Leichtathletik-Glanzzeiten und mittlerweile eher Standortnachteil im Profifußball, musste weg.

Und nun ist es also so weit: Die schwäbische Metropole bekommt ein reines Fußballstadion. In einem komplizierten Verfahren werden die Kurvenbereiche aus dem Stadion geschält und direkt am Spielfeldrand neu errichtet. Das Zeltdach bleibt dabei erhalten. Im ersten Bauabschnitt wurde nun das Spielfeld um einen guten Meter abgesenkt und die „Untertürkheimer Kurve“ abgerissen. Sie wird bei laufendem Spielbetrieb bis zum nächsten Sommer neu errichtet. Dabei wartet die Architektur mit einer Besonderheit auf: Unter der Tribüne entsteht eine komplett im Stadion integrierte, 2.000 Zuschauer fassende Sporthalle! Die eingefleischten Schwabenfans in der „Cannstatter Kurve“ haben dagegen noch ein Jahr Zeit, sich zu verabschieden, bevor es auch ihrer alten Heimat an den Kragen geht. Die Trauer wird sich jedoch in Grenzen halten: Ist das mit 60 Millionen Euro veranschlagte Projekt wie geplant im Herbst 2011 fertiggestellt, werden sie eine rot-weiße Stehplatzwand aus 10.000 fanatischen Schwabenfans ihr Eigen nennen können. In der Zeit des Umbaus sinkt die Kapazität der Arena teils auf 39.000 Zuschauer. Dafür finden im neuen Schmuckstück 60.000 Zuschauer Platz.

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Weserstadion Bremen

Auch im Norden der Republik rollen seit Kurzem die Bagger. Nachdem Bremen mit seiner Bewerbung für die WM 2006 gescheitert war, schien der Umbau des altehrwürdigen Weserstadions zur längst überfälligen reinen Fußballarena in weite Ferne gerückt. Mittlerweile aber ist die Finanzierung in Höhe von rund 60 Millionen Euro gesichert. Interessierte Zuschauer der Bundesliga konnten die ersten Bauschritte bereits im Laufe des Frühjahrs verfolgen: Das alte Dach wurde nach und nach entfernt und an den Geraden durch einen neuen Regenschutz ersetzt. picGleichzeitig wurde bereits mit dem Rückbau der Westkurve begonnen und die neue Fassade installiert. Diese sucht in Europa ihresgleichen: Knapp 200.000 Solarzellen wurden im Zuge eines neuen Energiekonzeptes installiert und geben dem Weserstadion schon von Weitem ein futuristisches Aussehen.  Auch was den Zeitablauf angeht, gestaltet man das Projekt Stadionumbau in Bremen sehr ambitioniert. Bereits im Winter dieses Jahres soll die Westkurve mitsamt Dach bezugsfertig sein.

Dabei ist der Umbau aus statischen Gründen durchaus kompliziert: Aufgrund der Nähe zur Weser ist der Boden sehr sandig, weshalb die Tribünen tief im Boden verankert werden müssen  und ein Teil der alten Tribünenstufen gar nicht erst abgerissen werden darf. Doch das Problem wurde mit hanseatischer Pfiffigkeit gelöst: Im Bauch der neuen Westtribüne werden die alten Bauelemente kurzerhand in einen Gastronomiebereich umgewandelt. So kann der geneigte Bremen-Fan in der Halbzeit seine Stadionwurst essen und dabei in der Vergangenheit schwelgen. Ist die Westseite erst einmal fertig, folgt umgehend die Renovierung der Ostkurve. Schon Ende des kommenden Jahres soll die Arena in neuem Glanz erstrahlen. Wird also nach langem Gezerre nun doch alles gut in Bremen in Sachen Stadion? Nicht ganz! Denn der ursprünglich geplante zweite Oberrang, der das Fassungsvermögen nach oben schrauben sollte, kann vorerst nicht realisiert werden. Grund: Wegen enorm gestiegener Stahlpreise war das Projekt nicht finanzierbar. So bleibt die Kapazität des neuen Weserstadions weitgehend gleich – die Atmosphäre aber dürfte deutlich besser werden.

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BayArena Leverkusen

picGefühlte zehn Schritte weiter ist man dagegen im Rheinland. Bayer Leverkusen arbeitet bereits seit eineinhalb Jahren an der Modernisierung der alten, längst zu klein gewordenen Arena. Zur neuen Saison soll das neue Leverkusener Schmuckkästchen fertig sein. Das wird auch dringend nötig sein. Denn die Werkself musste wegen des Umbaus ein halbes Jahr in Düsseldorf spielen, konnte dort allerdings nur ein einziges Spiel gewinnen. Man darf also gespannt sein, wie schnell sich das Team von Jupp Heynckes wieder ans eigene Stadion gewöhnen wird. Denn auch hier ist fast nichts mehr, wie es war: An drei Seiten der Arena  wurde ein neuer Oberrang eingezogen, der das Fassungsvermögen auf 30.000 Zuschauer erhöht. Die Plätze werden zukünftig in knalligem Leverkusen-Rot erstrahlen. Schatten und Regenschutz wird das Prunkstück der neuen BayArena bieten: Über dem Stadion schwebt ein kreisrundes Zeltdach, das weit ins Spielfeld ragt – und ebenso weit aus dem Stadion heraus, weswegen die Zuschauer sich auch dort im Trockenen aufhalten können. Kostenpunkt des architektonischen Meisterwerks: 70 Millionen Euro.

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Coface Arena Mainz

picGanz neue, und dabei doch klassische Wege geht Mainz 05. Das alte Bruchwegstadion hatte seine Belastbarkeitsgrenzen erreicht, ein weiterer Ausbau war nicht möglich. Nun kommt die große Lösung in Rheinhessen: Der Aufsteiger konnte vor wenigen Tagen, nach jahrelangem Ringen um den Standort einer neuen Arena, den ersten Spatenstich für die nagelneue Coface Arena feiern. Für 60 Millionen Euro soll bis Mitte 2010 das neue „Tor zur Stadt“ entstehen. Doch großen Schnickschnack sucht man in Mainz vergeblich. Die Planer orientierten sich vielmehr an klassischen britischen Stadien. Vier freistehende Tribünen sollen das Spielfeld umschließen. Ins einrangige, an den Ecken offene Stadion werden 33.500 Plätze gebaut. Entsprechend steil und eng werden die Tribünen gebaut sein. Als wäre das der Stimmung nicht schon zuträglich genug, dürfen sich die Mainzer Zuschauer auf satte 13.700 Stehplätze freuen. Prickelnde Atmosphäre ist also auch weiterhin garantiert beim Karnevalsverein.

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Joachim Rothbauer